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Thursday, 13. August 2020
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Tagebuch Limes
2006-09-13 00:06
Der Eine
Es ist kühl, aber ich bin froh über die Abkühlung, tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich liege auf dem Rücken, mein rechtes Bein angewinkelt, meine Hände auf meinem Bauch. Es ist dunkel, ich blicke zum Fenster durch welches der Mond silbrig hineinscheint. Es ist drei Uhr nachts und ich bin hellwach, obwohl ich die Nacht davor kaum geschlafen habe und die davor auch kaum und die davor. Ich habe seit zwei Wochen kaum geschlafen, seit dem Tag an welchem ich eine erschreckende Entdeckung gemacht habe. Ich höre seinen regelmäßigen, ruhigen Atem. Er schläft schon seit Stunden tief und fest, wir haben uns geliebt und irgendwann ist er dann eingeschlafen. Seine Hand lieg auf meiner Schulter, so warm, er hat wunderbare, geschickte Hände. Sein Kopf liegt nah bei meinem und ich spüre die Wärme seines Atems in meinen Haaren. Ich denke an die zahlreichen Romanhelden, die immer sofort aufwachen, wenn die Angebetene nicht schlafen kann, als hätten sie einen Radar für unruhige Schwingungen. Aber er wacht nicht auf und eigentlich bin ich froh darüber, ich möchte nicht sagen was mich beschäftigt. Nein, ich kann es ihm nicht sagen, weil ich selbst noch nicht weiß was ich mit alldem anfangen soll. Eine Stimme sagt mir, dass er mir vielleicht helfen kann und eine andere weist mich daraufhin, dass ich sogar verpflichtet bin es ihm zu sagen. Doch nach zwei Wochen schweige ich noch immer, reflektiere immer wieder über dasselbe Thema und komme nicht weiter.
Ich liebe ihn, eigentlich sollte es einfach sein. Anders wie bei seinen Vorgängern kann ich mir ein Leben mit ihm vorstellen, ich war noch nie so glücklich, so zufrieden. Anfangs war es nur oberflächliches Interesse, rasende Begierde, aber das Interesse ist schon lange nicht mehr oberflächlich, wenn gleich die Begierde noch immer rasend ist.
Ich liebe ihn von ganzen Herzen und auch wenn ich mir sicher bin, dass er mich auch liebt, so bin ich doch überzeugt davon, dass wir zwei vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von unserer Beziehung haben. Für ihn bin ich eine Frau, der er zufällig begegnet ist, bei der zufällig die Chemie stimmt und die ihn gerade im Moment glücklich macht. Er denkt nicht an die Zukunft, er möchte vielleicht in zwei Wochen oder Monaten noch mit mir zusammen sein, aber er denkt nicht an Jahre. Er ist noch jung und er ist ein Mann und er ist noch nicht bereit sich langfristig an eine Frau zu binden. Ich bin ganz offensichtlich nicht die "eine" Frau, auch wenn die Leidenschaft zwischen uns nicht gewaltiger, die Liebe nicht tiefer, das Vertrauen nicht größer sein kann.
Für mich ist er ein Mann, dem ich begegnet bin, weil es Schicksal war, für mich ist er der "eine" Mann und das macht alles komplizierter.
Ich habe immer Acht gegeben, ich habe meine Pille nie auch nur eine Stunde zu spät eingenommen, sie neimals vergessen und zu 99% benutzen wir Kondome und dennoch ist es passiert. Ich habe eine Woche damit zugebracht mir Vorwürfe zu machen und mich immer wieder zu fragen, wie das verdammt noch mal nur passieren konnte?
Über diese Phase bin ich nun hinaus, mittlerweile mache ich mir Gedanken darüber, wie es weitergehen soll und was ich auch tue, in welche Richtungen mich meine Gedanken auch führen, ich komme immer wieder zu dem einen Schluss.
Ich muss mich von ihm trennen!
Ist das nicht verrückt? Ist das nicht vollkommen bekloppt?
Ich versuche mir andere Szenarien vorzustellen, aber es funktioniert einfach nicht. Ich drehe meinen Kopf ein Stückchen, er schläft noch immer friedlich, hat sich in den letzten Stunden kaum bewegt. Er ist ein Vogel, wunderschön und frei, für den Moment ist er gelandet und spaziert ein bisschen auf der Erde herum. Aber irgendwann wird es ihm auf der Erde zu langweilig werden und dann zieht es ihn wieder in die Lüfte, er wird weiterfliegen und wunderschön bleiben. Hält ihn aber etwas gewaltsam auf der Erde so wird er verkommen und das was wunderschön war, wird verblassen.
Nein, ich kann ihm nicht die Flügel stutzen und so muss ich ihn verscheuchen, denn auch ich kann nicht aus meiner Haut und kann nicht gegen meine Prinzipien handeln. Nicht einmal für zwei weitere Monate oder Jahre mit ihm, dem "einen".

Kommentare


unbekannt
23:50 13.09.2006
Du machst die Liebe zur Kunst aber damit verliert sie jedes Leben. Wir alle bewundern und verehren die Kameliendame, la Bohème, Romeo und Julia aber jeder versteht die Botschaft des tragischen Endes. Liebe ist Leben. Liebe ist kein Verzicht auf das Glück. Aus Prinzip wirft man nicht Träume fort. Die grossen Dramen rühren uns deshalb so sehr, weil die einfachen Dinge das Glück bedeutet hätten, doch die Unglücklichen wollten oder konnten sie nicht sehen. Deine Überzeugungen können Dich narren und blenden, gib ihnen also jetzt nicht nach, solange Deine Welt bebt und Du keinen klaren Gedanken fassen kannst. Wenn ein Gespräch unmöglich scheint, suche lieber den Rat eines nüchternen Beobachters in Deinem Freundeskreis, der nicht nur einseitige Informationen hat, sondern Euer beider Denkweisen auch aus Erfahrung gegeneinander abwägen kann. Ich hoffe darauf, dass Du aus dieser Klemme herauskommst und sich ein Drama abwenden lässt.

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