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Wednesday, 23. April 2014
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Tagebuch Gottergeben
 1945-12-02 hh:mm
Advent 1945 – O Torheit über Torheit
Das Zeitenrad rollt weiter, die Zeitenuhr schlägt Wochen u. Monate; der Mensch wirkt Ewigkeit u. meint er forme Zeit. Er wägt Schuld u. Unschuld, Recht u. Unrecht nach seinem Maß u. Blickfeld. O Torheit über Torheit! Wir sehen voll Schauer das Buch unserer Schuld aufgerollt, hören jetzt erst durch die Fremden von den Verbrechen unseres Volkes, fühlen unsere unschuldige Mitschuld u. wissen gleichzeitig, daß die Welt kein Recht hat über uns zu richten; daß sie nur mit uns vor Gott bekennen darf: unsere Schuld, unsere übergroße Schuld. Vor Gott haben wir zu büßen u. alles Schwere, das getragen werden muß, soll unter dieser Sühne stehen. Aber die Welt hat nicht das Recht uns zu strafen, ein ganzes Volk zu strafen, dafür, daß es betrogen wurde, wo diese Welt den Betrug nicht in den Anfängen verhinderte, sondern abwartete, ob sich daraus nicht XXXX ließ.
Und nun geschieht neue Unrechtssaat.
Man hat die „Nazihauptführer“, denen man noch habhaft werden konnte u. hohe Militärs als Kriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht gestellt. Was wird das Ergebnis des Prozesses sein?
Dr. Staab u. K. Pfändtner sind aus dem Kriegsgef. lager Kreuznach zurückgekommen, müd u. grau, wie alte Männer; viele krank u. entkräftet. So kam keiner von den Schrecken der Front.
Man hat ein Gesetz zur Befreiung vom Nazismus erlassen. Jeder Rg. od. Angehör. einer Gliederung ist demnach ein kleiner Verbrecher.
Wir haben Fragebogen ausgefüllt u. nun bin auf Grund dieses Papiers auch ich zum Nazi gestempelt. Es ist lächerlich. Aber ich bin (auf Grund) als Mitgl. Des BDM u. der F.Sch. aus der Schule ausgestellt.
Ich hätte nicht geglaubt, daß diese Ungerechtigkeiten so zermürben können. Alle Ängste, Schrecken, Gefahren des letzten Kriegsjahres haben die christ. Freude nicht ersticken können wie dies. Ich komme mir oft wie greisenhaft vor. In den letzten Jahren war ich oft bis zum Ekel von der Schule angewidert u. die Entlassung schien die Lösung aus allem Berufszweifel. Inzwischen habe ich erfahren, daß man nirgends gebraucht wird. Überflüssig! ist die bittere Erkenntnisfrucht. Sprechstundenhilfe, Rot Kreuz, Gemeindeschwester, Pfarrhelferin, Caritas, Katese, Krankenhaus: überall: nicht benötigt. Ehrenamtliche Arbeit ja, Anstellung: nein! Ungelernte u. unfähige Leute stehen in der Schule u. an anderen verantwortlichen Posten, indessen die bisherigen Träger feiern oder schippen.
Wenn ich nur feiern könnte! Aber die Not schreit offen auf den Gassen. Helfen, helfen! Der Schrei darf nicht ungehört verhallen.
Und können wir nicht helfen, müssen wir es doch versuchen. Ich versuche, mich einzuschalten wo es geht; gebe Rel. Unt., lerne in ärztl. Praxis, helfe in d. Familie, laufe für Caratas. Daß mir die Kraft zum Ausharren u. die zum Helfen gegeben wird, hat Gott mir eine ganz innige, reine u. große Freundschaft geschenkt, für die ich immer nur neu danken kann.
Wilh. habe ich innerlich ganz verloren. Der Riß war schmerzlich u. hat mich verwirrt.
Es mögen jetzt etwa 6-8 Wochen sein. Aber ich weiß aus der neuen Erfahrung, daß es doch keine ganz echte Freundschaft war, kein Gleichsein von Du zum Du. Wie ein kleines Wunder erfahre ich nun Güte, Liebe, Familie, Heim. Verdient habe ich diese Freundschaft wahrhaftig nicht.
Ich war – bei aller Schwere – nie im Leben so glücklich.
Nur danken kann ich – danken. Und mich mühen, dieser Gnade wert zu bleiben – im Dienste Gottes u. des Nächsten.

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