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Tagebuch tcDaywalker
2004-04-09 14:51
Hommage an eine großartige Frau
„Die sind doch noch pfenniggut!“. Nie werde ich diesen Satz vergessen. Meine „Mutti“, wie ich meine Großmutter nannte, blickte mich durch ihre riesige, rosa schimmernde Kunststoff-Kassenbrille mit diesem für sie typischen, entschlossenen Blick an. Es ging um meine roten Langlaufschuhe aus Kunstleder. Sie wollte nicht verstehen, warum man diese Schuhe mit der wuchtigen Kunststofflippe und den Löchern zum Einsetzen auf die Langlaufskier nicht auch als ganz normale Halbschuhe anziehen kann. Da saß sie nun vor mir: 1,65 Meter groß, die Figur kompakt und oma-typisch rundlich, auf einem wackeligen, mit grauem Samt überzogenen Kunststoffhocker. Hier, in der Küche unserer Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung in Trossingen, einer verträumten schwäbischen Kleinstadt im Schwarzwald, zupfte sie an ihrem beigen Faltenrock, bereit zu diskutieren. Abwechselnd blickte sie zu den Schuhen und zu mir, ihrem damals 15 Jahre alten Enkelkind.

16 Jahre meines Lebens habe ich bei ihr verbracht; als ungewolltes Kind einer Ehe, die geschieden wurde, als ich fünf war. Das für die damalige Zeit überraschende Sorgerechtsurteil zugunsten meines Vaters und die Tatsache, dass mein Erzeuger im Außendienst tätig war und daher keine Zeit für Kindererziehung hatte, brachte mich zu meiner Großmutter väterlicherseits. Drei Kinder hatte sie bereits groß gezogen und zwei Weltkriege überlebt, als sie sich -selbstlos wie eh und je- bereit erklärte, den Sprössling ihres jüngsten Sohnes in ihre Obhut zu nehmen. Sie nahm mich mit ihrem großen und unendlich gütigen Herzen auf und wurde meine zweite Mutter. Da ihr Mann drei Finger im Krieg gelassen und den Krebs von dort mitgebracht hatte, lebte sie seit über 10 Jahren alleine. Ihre Moralvorstellungen ließen es nicht zu, einem anderen Mann die Treue zu schwören.

Während ich nach einem griffigen Gegenargument suchte, zündete sie sich eine „Lord Extra“ an, nahm einen kurzen Zug und stand auf. Sie rauchte seit über 20 Jahren, trank -sehr zur Missgunst Ihrer Tochter- Limonade, Bier und Wein am liebsten eiskalt und lebte auch sonst nicht besonders gesundheitsbewusst. Eine Tatsache, der sie wahrscheinlich ihr langes Leben zu verdanken hatte.
Langsam schritt sie zur Anrichte und begann, den Semmelknödelteig mit ihren faltigen, vom Leben gezeichneten Händen zu kneten. Es war halb zwölf und es duftete in der ganzen Wohnung nach Schweinebraten. Dieser würzig-saftige Geruch bewies wieder einmal, dass sie Ihre Koch- und Backkünste noch nicht verlernt hatte. Als Urbayerin verschlug es sie nach dem Krieg zwar nach Baden-Württemberg, ihre heimischen Gerichte aber blieben glücklicherweise in ihrem Repertoire. Sie drehte ihren graubraun gelockten Kopf in meine Richtung und während die Zigarette in ihrem Mund auf und ab wippte, wiederholte sie den Wunsch, dass ich die Schuhe auch ohne Ski anziehen solle. Wir haben nicht oft gestritten und wenn, dann hat sie meistens des lieben Friedens Willen nachgegeben. Siegessicher erinnerte ich sie an die Geschichte, als ich mit „Zwei-Streifen-Turnschuhen“ von der Schule nach Hause kam, verspottet und belächelt von meinen Klassenkameraden, die allesamt ihre neuesten Adidas-Treter zur Schau stellten.
Ich will nicht undankbar sein. Meine Oma hatte jeden Pfennig von ihrer Minirente abgespart, um ihn für mich auszugeben, aber große Sprünge, vor allem in Adidas Turnschuhen, waren leider nicht drin. Trotz allem habe ich mich durchgekämpft, was mich im Nachhinein zufrieden stimmt.
Inzwischen hatte sie aus der Knetschüssel eine Handvoll Teig genommen und unter lauwarmem Wasser zu einer Kugel geformt. Der Teig glitschte dabei durch ihre flinken Finger. Es war Sonntag und wie jede Woche gab es einen Braten mit Knödeln und einer sämigen, braunen Soße, die sie aus dem Bratenfond zauberte. Traditionen waren ihr Halt in einer Welt, deren Entwicklung für sie langsam aber sicher zu schnell wurde. Schon lange hatte sie aufgehört, sich dem technischen Fortschritt anzupassen hatte Girokonten und Tastentelefone erfolgreich boykottiert. Trotzdem konnte sie viele Dinge weitergeben, die mich bis heute durchs Leben begleiten. Werte wie Ehrlichkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit hatte sie mir beigebracht. Sich selbst, ihre Wünsche und Bedürfnisse stellte sie dabei immer in den Schatten.
Die Knödel hatten jetzt die nächste Phase erreicht und brodelten, lustig auf und ab hüpfend, in einem riesigen Salzwassertopf, der noch von ihrer Mutter war. Sie hob Dinge sehr lange auf, vor allem Gegenstände aus Plastik, auch wenn sie noch so sinnlos waren. Vielleicht war es eine kleine Psychose aus dem zweiten Weltkrieg, während dem es bekanntermaßen nicht viel gab und eventuell auch die Ursache, dass wir immer mindestens fünf Stück Seife zu Hause hatten. Die Geschichte mit den Turnschuhen hatte sie zum Nachdenken gebracht und als das Essen auf dem Tisch stand hatte sie das Ganze ad acta gelegt. Der Braten schmeckte wie immer vorzüglich und auch die zur Tradition gewordene Bemerkung, dass heute die Knödel oder manchmal auch die Soße nichts geworden waren, konnte meinem Heißhunger keinen Abbruch tun.
Nach dem Essen saßen wir noch lange zusammen und redeten. Sie konnte stundenlang von Ihrer Kindheit und den kilometerlangen Fußmärschen zur Schule erzählen. Ihr ganzes Leben lang hatte Sie gegeben, hatte sich keine Pause gegönnt oder jemals etwas für sich selbst getan und als Ihre letzte große Aufgabe, ihren Enkel groß zu ziehen, vorüber war, schwanden ihre Lebensgeister. Zwei Jahre später starb sie, schlief ein nach kurzer Krankheit und ruht seitdem tief in meinem Herzen.

Manchmal denke ich, dass sie mich von oben beobachtet. Ich hoffe, dass sie glücklich darüber ist, was aus ihrem letzten „Kind“ geworden ist. Ein glücklicher Ehemann, erfolgreich im Beruf und vor allem gesund. Ich werde sie nie vergessen.

Tags

leben 

Kommentare

10:29 14.04.2004
Wunderschön geschrieben, man meint fast, man hätte sie vor sich - kommt noch mehr davon?
Soll der Kommentar wirklich gelöscht werden?
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