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Tagebuch Doc12
2010-09-24 08:36
Der weinende Clown - 64

„Mit Phantasie verbunden, aha.“
„Ja. Denn siehe: Durch die Phantasie entsteht Sehnsucht nach Nähe und Begegnung. Ich habe das absichtlich so eingefädelt, damit ihr euch leichter tut und Gelegenheit habt, langsam in die Sache hineinzuwachsen. In dieser Situation befindet ihr euch gerade – und man sieht es deutlich an dir: Die Dame spukt dir im Kopf herum, sie schleicht sich langsam in deine Gehirnwindungen und verändert damit deinen Hormonhaushalt. Der gleiche Vorgang läuft natürlich auch bei der Gegenseite ab, sonst wäre es ja einseitig. Toll, was? “
„Danke schön.“
„Bitte. Kein Problem. Gern geschehen. Mit der Zeit wirst du dann aber feststellen, dass du dein Augenmerk viel mehr auf die eigene Liebe richten musst, denn der andere verliert seinen Glorienschein und wird für dich langsam wieder der Mensch, der er wirklich ist. Das versetzt dich aber endlich in die Lage, den anderen im realen Sein zu erfassen. Und dann kannst du Shakespeares Hamlet in leicht abgewandelter Form zitieren: Enttäuschung oder nicht Enttäuschung – das ist hier die Frage.“
„Also auf Dauer ein Lotteriespiel, meinst du?“
„Du musst dir immer bewusst sein, mein Freund: Glücklich ist eine Liebe erst dann, wenn sie die Phantasie nicht nötig hat, weil sie ihre Erfüllung in der Wirklichkeit findet, sich dort entfaltet – im Hier und Jetzt gelebt wird und eine Bindung ist, die zwischen Abstand und Nähe wechselt.“
„Und du glaubst, Sarah ist dafür die Richtige?“
„Ich weiß es.“
„Was macht dich so sicher?“
„Ihr seid intellektuell auf einer Ebene. Eine gute Ausgangsbasis, wie ich meine.“
„Stimmt. Dumme Frauen sind mir ein Gräuel.“
„Dazu kommt, dass ihr momentan die gleichen Probleme mit dem Leben
habt.“
„Tatsächlich?“
„In der Tat, ja.“
„Lieber Gott, ich glaube nicht daran, dass zwei Blinde sehend werden, nur weil sie sich zusammentun.“
„Sie können sich aber gegenseitig führen – und der Schleier, der dunkel über ihren Augen liegt, kann sich mit der Zeit lichten ...“

„Ich bin da skeptisch ...“, murmelte Bruno und legte die Stirn in Falten.
„Sei zuversichtlich, mein Sohn! Es wird werden. Lass die Dinge geduldig und langsam wachsen.“
„Zuversicht ... hm. So richtig glaube ich nicht daran, dass die etwas bewirkt.“
„Du bist ein Zweifler, Bruno!“ Nach einer kleinen Pause meinte Gott: „Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte, mein Sohn – ein Gleichnis, wenn du so willst. Vielleicht kann ich dich überzeugen.“
„Na dann schieß mal los.“

„Im Advent brannten vier Kerzen. Die erste Kerze war die Kerze der Hoffnung. Sie sagte: ,Es ist schlimm mit den Menschen – überall herrscht Hoffnungslosigkeit, alle sehen die Dinge nur noch Schwarz in Schwarz – was nützt es, wenn ich kleine Kerze da noch leuchte?’ So sprach sie und verlosch. Die zweite Kerze war die Kerze des Vertrauens. Auch sie meinte: ,Die Menschen auf Erden vertrauen sich längst nicht mehr, das Misstrauen ist groß – wie kann ich da brennen und mein Licht aussenden? Es ist vergebens.’ Da kam ein leiser Windhauch und blies die Kerze aus. Die dritte Kerze war die Kerze der Liebe. Sie sagte: ,Es ist keine Liebe mehr unter den Menschen, sie mögen sich nicht mehr und jeder dekt nur noch an sich. Egoismus macht sich breit. Es ist Unsinn, dass ich leuchte und mein Licht verschwende.’ Nun verlosch auch sie. Nur die letzte Kerze, die Kerze der Zuversicht – sie brannte noch. Da kam ein Kind des Weges und sagte: ‚Oh, die Kerzen sind ausgegangen! Ich will sie wieder anzünden.’ Es nahm die Kerze der Zuversicht und entzündete damit die anderen drei.“
„Eine rührende Geschichte“, meinte Bruno nachdenklich.
„Mag sein. Aber viel wichtiger ist die Botschaft, die sie dir vermitteln soll.“
„Alles klar, ich hab’s verstanden“,sagte Bruno leise.
„Na also – geht doch!“ Gottes Stimme klang heiter.
„Vielleicht sollte ich nicht soviel darüber nachdenken ...“
„Normalerweise würde ich dir jetzt sagen: Wer wenig denkt, der irrt viel ... Doch in diesem Fall gebe ich dir durchaus Recht, mein Sohn.“

„Wenn wir schon beim Thema ,Kind’ sind: Wie denkst du, soll ich mich Karsten gegenüber verhalten? Ich habe keine Erfahrung mit Kindern – weiß gar nicht so richtig, wie man mit ihnen umgeht.“
„Du denkst schon wieder zu viel! Sei ihm ein Vater.“
„Ich?“
„Ja, du.“
„Wie soll das gehen?“
„Sei einfach so, wie du bist.“
„Hört sich einfach an.“
„Ist es auch.“
Nach einer kleinen Weile meinte Bruno etwas resigniert: „Ich habe noch ein Problem ...“

„Du kommst mit deinem Roman nicht weiter, richtig?“
„Ja.“
„Selbst schuld. Du schreibst wie eine Maschine, mein Freund – es wäre gut, wenn du die Sache ab und zu wieder mit etwas Abstand betrachten würdest. Ein paar Tage Pause schaden nichts. Doch da du gestern aber bereits eine neue Episode begonnen hast, will ich dir helfen. Schreib jetzt und sündige nicht.“
„Danke. Aber wie kann ich beim Schreiben überhaupt sündigen? Ist wohl schlecht möglich, oder?“, meinte Bruno grinsend, dann brach die Verbindung ab.

Er setzte sich an seinen Computer, las die letzten Zeilen, die er am Vorabend geschrieben hatte um legte die Finger auf die Tastatur ...

Kommentare


unbekannt
11:58 24.09.2010
Die Ausführungen über Verliebtsein und Liebe gefallen mir.

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2010-09-24 08:36