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Tagebuch Sommer
2026-03-23 14:00
Vorbildlich unperfekt
Anders kann ich meinen aktuellen Gemütszustand gerade nicht beschreiben. Ich fühle mich wie durch den Wolf gedreht und wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich am liebsten gar nicht ins Büro gefahren. Da von den Kollegen keiner da ist, hatte ich leider keine andere Wahl. Es tröstet mich auch nicht wirklich, daß ich morgen frei habe. Viel habe ich nicht von dem freien Tag, denn ich begleite meinen Vater ja ins Krankenhaus. Ich weiß nur noch nicht, wie lange ich da sein werde. Zumindestens so lange, bis mein Vater auf dem Zimmer ist und ich auch irgendwo das Telefon anmelden kann. Ich weiß noch nicht mal, ob er auch noch den Fernseher haben will. Wenn es nach W. geht, soll er ruhig den Fernseher nehmen, am Freitag kommt doch ein Länderspiel. Als wenn das blöde Länderspiel jetzt so wichtig ist. Was nutzt der blöde Fußball, wenn mein Vater mit einem Bein im Grab steht? Das muß nicht bei meinem Vater der Fall sein, aber man muß immer vom Schlimmsten ausgehen. Außerdem ist doch eh bald WM, da kommt es auf ein Länderspiel mehr oder weniger auch nicht an. Ich soll auf jeden Fall bei W. anrufen und sagen, was so passiert ist. Wenn ich das mal nicht vergesse. So was kann nämlich passieren, aber da ich nicht jeden Tag in die Uniklinik fahre, sollte es kein Problem sein, kurz Bescheid zu sagen. Ich bin ja kein Unmensch. Vielleicht bin ich das ja doch, weil ich den Kollegen zur Eile gemahnt habe. Er wollte mir ernsthaft erzählen, daß er drei Stunden dafür braucht, eine Palette für die USA zu packen. Dann waren die drei Stunden schnell um, denn ich kann den ganzen Wust bearbeiten. Mir kann das eigentlich egal sein, wie lange er für die Palette braucht, aber im Anbetracht der Tatsache, daß ich morgen nicht im Büro bin, will ich den ganzen Rotz auch heute noch anmelden. Ich kann ja verstehen, daß R. nicht mehr allzu große Lust hat, noch was zu machen. Ich wäre da vermutlich nicht anders, das gebe ich an der Stelle zu. Es hat aber alles geklappt und fertig ist die Laube. Dann hat sich die Mühe echt gelohnt. Apropos Mühe: ich weiß nicht, ob ich mir noch die Mühe machen soll, mit meinem Vater zu telefonieren. Ich habe das Gefühl, daß sein Gehör von seiner Tagesform abhängig ist. Víelleicht sollte man die Herzklappe über die Ohren einführen. Ob das am Ende was bringt, ist die zweite Frage, aber ein Versuch wäre es wert. Und wenn ich jetzt nicht aufhöre zu lästern, wird das noch mal ganz böse mit mir enden. Was mir jetzt aber auch egal ist. Kommentare |
Sommer Offline51 Jahre, DE mehr... 2026-03-23 14:00 |
