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Tagebuch Doc12
2010-12-09 06:21
Der weinende Clown - 134
Nach ein paar Sekunden drehte sie Bruno den Kopf wieder zu und stammelte leise: „Jetzt wird mir alles klar – oh Gott! Dann habe ich ja auch schon mit ihm gesprochen!“
„Du hast ihm sogar Rindsrouladen serviert und ihn auf die Wange geküsst“, erwiderte Bruno und grinste.
„Die eigenartigen Blumen, die griechische Vase, die Sache mit dem Korkenzieher, der Wein, all das, was er erzählt und gesagt hat – ich glaube, ich muss blind und taub gewesen sein.“
„Warst du nicht. Er hat dir nur die Erinnerung genommen, weil er wusste, dass du mich ansonsten mit vielen unangenehmen Fragen traktieren würdest. Doch dafür war die Zeit noch nicht reif. Doch jetzt ist sie es.“
„Ich erinnere mich jetzt genau an diesen Abend. Und am anderen Morgen erzählte Karsten, er hätte geträumt, der liebe Gott sei bei uns zu Besuch gewesen. Ich hatte ja fast den ähnlichen Traum. Unfassbar! Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen.“
„Tja – und du hast ihn noch gefragt, ob er an Gott glaubt ... und was uns so sicher macht, dass es ihn gäbe ... Wir waren da sogar sehr sicher“, meinte Bruno lachend.
„Und jetzt?“
„Was und jetzt?“
„Wie geht das weiter, meine ich. Mit euch ...“
„Wie vorher auch – nur werden wir nicht mehr miteinander telefonieren können, denn er sagte mir, dass es nicht mehr nötig wäre, wenn du es erst einmal wüsstest.“
„Dann hast du also keinen Kontakt mehr zu ihm – nur wegen mir??“
„Ich werde immer Kontakt zu ihm haben, mein Leben lang und ganz sicher sogar einen sehr individuellen, aber dazu braucht man nicht unbedingt ein Handy – und auch keine Kirche übrigens. Nichts und Niemanden. Zumindest ich brauche das nicht. Diese Verbindung betrifft nur ihn und mich. Ich muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, dann sehe ich ihn überall: in der Natur, in so manchem Menschen, in einem Kind, in jedem Tier, in jedem Baum, in jeder Blume, am nächtlichen Sternenhimmel – und auch in deinen Augen.“
„Das hast du schön gesagt.“
„Vielleicht habe ich heute meine poetische Ader, wer weiß? Und jetzt werde ich auf meine alten Tage auch noch Vater. Ich hätte das nie für möglich gehalten.“ Bruno lächelte und schüttelte dabei den Kopf.
„Du bist nicht alt. Sag so etwas nie wieder! Du bist geistig und körperlich weit besser drauf als so mancher Dreißigjährige, das kann ich dir nur bestätigen. Du hast ein junges Herz. Vielleicht kommt es daher, dass du dich immer überwiegend geistig beschäftigt hast. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf meinen jungen Mann, auch wenn er schon bald sechzig wird.“
„Danke für das Kompliment. Doch auch für mich tickt die biologische Uhr unaufhaltsam, aber ich habe beschlossen, für den Rest meines Lebens dennoch das Beste daraus zu machen. Schließlich möchte ich unser Kind noch aufwachsen
sehen.“
„Ich werde dich mit Rat und Tat dabei unterstützen“, sagte Sarah und lachte.
„Seit wann weißt du es überhaupt?“
„Erst seit gestern. Ich war bei meinem Frauenarzt – weil meine Periode ausblieb – außerdem war es mir jeden Morgen fürchterlich übel. Eigentlich untrügliche Anzeichen. Bei Karsten war es genauso. Alles läuft normal.“

Bruno lachte und meinte: „Ich komme mir fast vor wie Abraham, der im zarten Alter von 105 oder so noch Vater wurde – seine Frau hieß übrigens auch Sarah.“
„Du kannst dich ja umbenennen. Aber wenn du es schaffst und einhundertfünf Jahre alt wirst, genügt mir das völlig. Dann ist das Beste bei mir auch runter“, entgegnete sie kichernd.
„Wir sollten nur dann möglichst schnell heiraten, denn ledige Kinder sind eine Schande, hab ich mal gehört.“
„In welcher Zeit lebst du denn? Das Mittelalter ist längst vorüber.“

Das Klingeln an der Wohnungstür unterbrach ihre Unterhaltung. Sarah ging öffnen, draußen standen Karsten und Donatello. Der Junge stürmte sofort in die Wohnung, er war noch völlig aufgedreht, warf seinen Mantel über einen Stuhl und rief: „Mama, stell dir vor, wir waren im Marionettentheater! Da haben sie den Froschkönig gespielt! Die Prinzessin hat da einfach den Frosch an die Wand geworfen und sofort wurde ein schöner Prinz daraus. Puff!“
„Haben sie mit mir auch so gemacht“, sagte Donatello und zog eine Grimasse, die ihm fast ein froschähnliches Aussehen verlieh.
„Du bist aber kein schöner Prinz geworden“, entgegnete Karsten.
„Stimmt. Aber ich war ja ursprünglich auch kein Frosch, sondern nur eine einfache Kröte. Und wenn man die an die Wand wirft, dann kann einfach kein schöner Prinz dabei herauskommen – ist doch klar, oder?“

Sarah und Bruno mussten lachen. „Habt ihr beiden Hübschen Hunger? Ich hätte da noch etwas Currygeschnetzeltes“, fragte sie.
„Wenn ich ehrlich bin, mir knurrt der Magen“, antwortete Donatello und rieb sich mit gespielt schmerzhaftem Gesicht den Bauch.
„Dann setzt euch mal.“ Sarah stellte zwei Teller auf den Tisch. Kurz darauf saßen sie beide einträchtig zusammen – der Junge und der alte Clown und schaufelten hungrig und mit großem Appetit das Abendessen in sich hinein, wobei Donatello allerdings nebenbei noch seine Späße machte und Karsten immer wieder zu herzhaften Lachanfällen reizte.

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