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Wednesday, 29. January 2020
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Tagebuch B.ianca
2006-02-19 11:48
[..:19. Februar:..]
Eigentlich wollte ich über den 19. Februar keinen Eintrag verfassen. Weil die Erinnerung an diesen Tag im letzten Jahr zu weh tut.

Aber ich werde es trotzdem tun.
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll....
Ich werde ganz vorne Anfangen, auch wenns ein bisschen länger wird.

Seit November 2004 war im Gespräch, dass Chris in eine therapeutische Wohngemeinschaft nach München zieht. Zuvor lebte er ja in einem betreuten Wohnen, doch dort klappte es nicht. Er wurde zu wenig kontrolliert. Natürlich wollten wir beide nicht, dass er dort hingeht. Der Gedanke daran, dass Chris in München ist und ich ihn nicht immer erreichen kann, war fürchterlich. Das war ja noch die Zeit, in der wir jeden Tag miteinander verbracht haben.
Ich habe in der Zeit in der die Entscheidung fallen sollte, viel mit seiner Mutter geredet. Irgendwann hatte ich sie zu einer Abmachung überrredet. Wenn bis Januar nichts schlimmes passiert, dann bleibt er hier.
Ich passte wirklich auf und auch Chris riss sich zusammen.
Ich telefonierte jeden Tag mit seiner Mum und wir sprachen über das was an den Tagen geschehen ist.

Doch Ende November passierte etwas. Chris lief von zuhause weg und war tagelang verschwunden. In jeder Zeitung hier war eine Anzeige drin, dass Chris unbedingt gefunden werden muss, da er selbstmordgefährdet ist und in medizinischer Behandlung wegen seinem Tumor.
Als er weglief, war ich sein erster Anlaufpunkt. Er stand an diesem Abend vor meiner Tür. Das einzige was er sagte war, "Bibi, ich glaub ich bring mich um." Und dann fiel er in meine Arme...

Er war ein paar Stunden hier und fuhr dann zu Karina. Ca. eine Stunde nachdem er weg war standen die Bullen vor meiner Tür und fragten, ob er hier ist. War er nicht, das sagte ich ihnen auch, aber da ich am ganzen Leib zitterte glaubten sie mir natürlich nicht. Ich sagte ihnen, sie können ja reinkommen und sich selbst überzeugen.
Sie glaubten mir dann doch und sie glaubten mir auch, als ich sagte, dass ich nicht weiß wo er ist. Jedenfalls taten sie so, als würden sie mir glauben.
Sie gaben mir ihre Nummer, damit ich anrufen kann sobald ich was von ihm höre.
Ich hab die Nummer weggeworfen.

Ich sah Chris dann noch einmal und dann war auf einmal der Kontakt weg. Ich machte mir Sorgen.
Nach zwei Wochen hielt ich es nicht mehr aus und rief ihn an. Auf die Frage, wo er sei, antwortete er: "Ich bin grad im Zug nach München." Dann erzählte er, dass er schon seit zwei Wochen dort war und nur kurz zuhause war.
Ich war fertig mit den Nerven und versprach ihm, ihn am WE wieder anzurufen. Ein paar Tage später rief er an und sagte, ich dürfe ihn besuchen kommen. Er hätte mit den SozPäd´s gesprochen und ihnen gesagt, es wäre nur zu seinem Besten, wenn ich komme.

Also machte ich mich am 19. Februar vor einem Jahr auf den Weg nach München.
Irgendwann stand ich vor einer alten Villa. Dort war ein Schild angebracht, auf dem Stand: "Therapeutische Wohngemeinschaft
für Jugendliche mit Suchtgefährdung und psychosozialen Schwierigkeiten"

Ich fragte mich, ob das wirklich auf Chris zutrifft, aber im nächsten Moment war es mir auch schon wieder egal, ich wollte nur zu ihm.
Ein hinkender Mann öffnete mir die Tür und sagte: "Ach, da bist du ja endlich! Du bist doch die Schwester von Christian, oder!?"
Schwester? Okay, offensichtlich hat er jedem dort erzählt, dass seine Schwester kommt. Das hat er früher immer getan. ich war immer die Schwester.

Der Mann führte mich durch dieses rießige Haus....er rief "Christian? Christian?" Nach für mich endlosen MInuten des Suchens hörte ich endlich Chris Stimme....
Er kam aus seinem Zimmer, sah mich und nahm mich in den Arm...

Wir gingen in sein Zimmer. Dort saßen noch ein paar andere Jungs. Chris schmiss sie raus...erstmal gab ich ihm die Beruhigungstabletten, die ich von zuhause für ihn mitgebracht hab und dann schnitt ich ihm die Haare und wir redeten...

Und er fing an zu weinen. Endlos. Er wüsste nicht, was er falsch gemacht hat und er will doch nur ein normales Leben führen. Und er will zu seiner Mama. Das sagte er. Ich nahm ihn in den Arm und versuchte ihn zu trösten. Er hat so viel geweint!

"Bibi schau, ich bin doch dein Ein und Alles und du bist es auch für mich. Also, musst du mir was versprechen: Du wirst mich heute nicht hier zurücklassen, du wirst mich mit nach Hause nehmen."

Ich hielt es für so gut wie unmöglich, aber am Ende hatte er die Leute dort doch überredet und wir durften gehen.
Ich hab ihn dort rausgeholt und ich weiß manchmal nicht, ob es wirklich richtig war.

Ich muss die ganze Zeit an so viele Situationen denken, die in diesem Haus passiert sind und alles bringt mich zum Weinen...
Wir waren uns noch so nah damals....

Heute ist übrigens auch Karinas Geburtstag.

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