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Tuesday, 07. July 2020
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 1910-11-06 hh:mm
Fackelzug der Berliner Universität

Heute ist nun Sonntag, und ich weiß nicht was ich anfangen soll und aus Langerweile diesmal schreibe ich in mein Tagebuch ein. Eigentlich müßte ich einen Aufsatz machen, aber „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Nun weiß ich wieder nicht woran ich bin. Wir wollen aber Nachmittag alle drei in die Kirche gehen, und da glaube ich, wird es kein Unrecht sein, wenn ich jetzt noch ein bißchen arbeite. Neudlich ist in unserer „Heilig Kreuz“ Kirche der Heizer besinnungslos aufgefunden worden, alle Wiederbelebungsversuche mit dem Sauerstoffapparat sind erfolglos gewesen.
Neudlich schrieb ich doch hier ein, daß in Moabit solche Streikunruhen waren, kaum waren diese beigelegt so fing es am Wedding an, das ist nun aber auch schon erledigt. Es schwelt jetzt überall, und wer weiß ob meine Ahnungen, daß es noch viel schlimmer kommen wird, sich nicht noch erfüllen werden. Oberlehrer Busch sagte vor einigen Tage auch in Bezug darauf „Wer weiß, was wir diesen Winter noch erleben“. So viel wie ich gehört habe, befürchten jetzt viele, so etwas ähnliches. Papa muß jetzt ordentlich Angst haben, wenn er einen Hausdiener entlassen will.
Wie ich eben sehe, habe ich ja noch garnicht von dem Fackelzug der Universität berichtet. Vielleicht vor 3 – 4 Wochen feierte die Berliner Universität nämlich ihren 100. Geburtstag. Auf diesen Anlaß hatten die sämtlichen Studenten einen Fackelzug durch Berlin geplant. Papa, Tante Lenchen, Onkel Paul und ich gingen gegen 8 Uhr nach den Linden und fanden vor der neuen Wache sehr schöne Plätze in der ersten Reihe. Es war gesagt worden, daß die Fackeln auf dem Hof der Alexanderkaserne zusammengeworfen werden sollten und danach hätte der Zug bei uns vorbeikommen müssen, wir hatten uns aber geirrt, die Studenten zogen hinter der Singakademie nach der anderen Kaserne. Das hat aber nicht geschadet, wir haben dafür den ganzen Festakt vor der Universität gesehen. Das Gebäude wurde von 2 Scheinwerfern beleuchtet. Gegen 8 ½ Uhr bemerkten wir in der Richtung nach dem Tiergarten einen hellen Schein und bald auch die ersten Fackeln. Der Zug kam immer näher; aber wollte gar nicht abnehmen. 3 Militärkapellen spielten Studentenlieder wie mein geliebtes „O alte Burschenherrlickeit“ u.s.w. Man konnte sehr schöne Kutschen mit aufgeputzten Studenten sehen, die in verschiedenen Zwischenräumen den Zug unterbrachen. Als die erste Kapelle sich der Universität näherte, wurde sie plötzlich von einem Scheinwerfer beleuchtet, dann verschwanden aber auf einem Male die Scheinwerfer und die drei Kapellen nahmen vor der Universität Aufstellung, die Studenten ebenfalls. Dann erscholl plötzlich aus unzähligen Kehlen das alte Studentenlied „ Gaudeamus igitur“ und nach kurzer Unterbrechung „Ich bete an die Macht der Liebe“ u.s.w. Inzwischen gingen einige dazu bestimmte Studenten hinauf in die Universität, um dort den anwesenden hohen Herrschaften, unter anderem auch dem Kaiser ihre Glückwünsche zu überbringen. Die Fackeln würden dann in der Alexanderkaserne zusammengeworfen und für kurze Zeit war der Himmel über Berlin wie mit Purpur übergossen.

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