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Sunday, 27. September 2020
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Tagebuch Overdose
2004-01-20 14:44
Allgemein
Die Nacht ist eisig kalt. Vor einer Stunde hat es begonnen zu schneien und jetzt liegen bereits gute dreißig Zentimeter Schnee auf den Straßen. Es ist zwei Uhr morgends. Doch trotz dieser widrigen Umstände kaempft sich eine elegant gekleidete junge Dame durch die dunklen Straßen in Richtung Bahnhof. Kein Zug wird sie nach Hause bringen. Der Bahnhof der Nachbarstadt, in der sie zur Zeit wohnt, ist schon vor Jahren stillgelegt worden. Eine Verbindung hier her gab es ohnehin nie.
Kein Bus fährt zu dieser späten Stunde.
Die Taxen sind ihre einzige Hoffnung. Doch je dichter der Schnee fällt, je höher sich die weiße Masse vor ihr auftürmt, umso mehr beginnt sie zu zweifeln. Wie soll ein Auto nur da hindurch kommen? Doch diesen Gedanken lässt sie nicht zu. Wie so viele diese Nacht. Sie hofft lieber auf ein Wunder. Es muss einfach ein Taxi da sein. Nur eins. Wenn überhaupt irgendwo in dieser Stadt, dann hier, am Bahnhof. Nur noch eine Ecke, dann wird sie es wissen. Dann wird sie wissen, ob es Rettung gibt. Es muss Rettung geben. Am Ende gibt es die doch immer!
Doch sie erreicht besagte Ecke nicht. Sie bleibt etwa fünf Meter vorher stehen. Muss stehen bleiben, denn der Weg ist ihr versperrt von einer schwarz gekleideten Schattengestalt. Ihr Aufschrei des Schreckens durchbricht die unheimliche Stille der Nacht. Sie erkennt das Gesicht der Person vor sich nicht. Die Kaputze des langen Mantels hängt ihr tief im Gesicht. Erst als ihr Gegenüber anfängt zu sprechen, erkennt sie, dass es sich um einen Mann handelt.
- Sie sollten nicht hier sein, Mädchen.
Er tritt näher und streckt seine Hand nach ihrem Arm aus, als wolle er sich daran festhalten. Sie sieht die Hand und schreckt instinktiv zurück. Er begreift und bleibt stehen, die Hand wieder senkend.
- Ich...
Ihre Stimme versagt fast vor Angst und sie muss sich zwingen weiterzusprechen.
- Ich weiß. Ich will nach Hause. Ein Taxi. Am Bahnhof.
Sie nickt in die Richtung in die sie gerne weitergehen würde, hoffend, dass der Mann sie endlich durchlässt. Wieso ist er eigentlich hier? Jetzt schaut er hinter sich und dann wieder zu ihr. Dabei schüttelt er den Kopf.
- Sie sollten wirklich nicht hier sein, nicht hier sein.
Diese Formel flüsternd geht er langsam wieder los, auf sie zu. Dieses Mal weicht sie nicht zurück. Ihre Angst lähmt sie komplett. Schließlich steht er neben ihr, doch sein Gesicht schaut weiter nach vorne. Sie wirft einen Blick auf ihn. Nur ganz kurz, schnell, flüchtig. Dann schaut sie auf den Boden. Jetzt könnte sie weitergehen. Doch noch immer kann sie sich nicht bewegen. Sie schweigen sich an. Nur wenige Sekunden, doch sie kommen ihr vor wie Minuten und die Stille wird ihr unangenehm. Sie hat das Gefühl etwas sagen zu müssen. Kurz gleitet ihr Blick an sich herab. Sanft berührt ihre Hand den weichen Stoff ihres Abendkleides. Sie kommt sich so lächerlich vor.
Eine zwanzigjährige Frau in einem roten Kleid, ein Träger gerissen, keine Strümpfe an, den linken Schuh in der Hand, den rechten irgendwo auf dem Weg verloren, durch den Schnee stapfend. Frierend. Zitternd. Das wird dieser Mensch noch nicht so oft gesehen haben. Und das Ganze um zwei Uhr nachts.
- Ich...Ich war im Theater, eine Verabredung.
Verloren zupft sie an ihrem Kleid herum.
- Es ging so schnell. War gerade auf der Toilette als es passierte. Dieser Lärm, dieser unglaubliche Lärm. Ich lief wieder hoch, wollte in den Saal, doch das ging gar nicht mehr. Alles kaputt. Und keiner mehr da. Ich bin dann, ich meine...
Ihre Stimme versagt. Sie schmeckt Salz in ihrem Mund. Bis dahin ist sie sich ihrer Tränen nicht bewusst gewesen. Sie braucht mehrere Sekunden um sich wieder zu fangen. Doch mehr als ein Flüstern findet nicht mehr seinen Weg hinaus aus ihr.
- Ich will doch nur nach Hause. Dann wird alles gut.
Wieder schüttelt der Fremde leicht seinen Kopf. Dann hält er kurz inne, scheint nachzudenken, bevor er langsam seinen Mantel auszieht. Dabei dreht er sich bewusst von ihr weg, damit sie sein Gesicht auch weiterhin nicht sehen kann. Doch sie schaut ihn gar nicht an. Sie schaut noch immer auf ihr, der Situation föllig unangebrachtes, Kleid und ihre Blau angelaufenen Füße. Der hält seinen Mantel kurz im Arm, streich noch einmal darüber, senkt den Kopf, als nähme er seinen ganzen Mut zusammen und dreht sich langsam zu ihr um. Sie bemerkt die Bewegung und sieht auf. Ein zweites Mal in dieser Nacht durchbricht ihr Schreckensschrei die Stille. Sie schreckt zurück, bis sie die Mauer des Hauses in ihrem Rücken spürt. Dort, wo einmal das Gesicht war, ist jetzt nur noch eine rot-schwarze Masse Fleisch. Nase, Lippen, Ohren scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, der Platz der Augen ist nur noch zu erahnen. Die Kleidung des Mannes besteht aus verbrannten Lumpen. Das er überhaupt noch lebt...
Er versucht ihr Entsetzen über sein Aussehen zu ignorieren.
- Den Mantel hab ich in einem Geschäft gefunden. Die brauchen den eh nicht mehr. Sie schon.
Er hält ihn ihr hin. Wieder fällt ihr Blick auf die Hand. Sie ist verbrannt wie der Rest seines Körpers. Sie zögert. Für einen Augenblick scheint das warme Kleidungsstück zwischen ihnen in der Luft zu schweben.
- Nun nehmen sie schon. Ist nicht ansteckend. Nur warm.
Noch immer zögert sie, doch schließlich gewinnt die Kälte. Sie nimmt ihn. Ohne ein weiteres Wort dreht der Mann sich wieder weg von ihr und geht weiter. Er humpelt stark, wie sie jetzt bemerkt, schleppt sich mehr als das er läuft. Sie sieht ihm nach, den Mantel noch immer in ihrer Hand. Nach etwa zwanzig Metern beginnt er zu taumeln und stürzt in den Schnee. Sie zuckt zusammen. Kurz denkt sie darüber nach, zu ihm hin zu laufen. Dann schlüpft sie in das, ihr viel zu große, wärmende Stück Stoff. Sie wickelt sich ein und versucht, nicht an den verbrannten Körper des Mannes zu denken. Die Flecken auf ihrem neuen Kleidungsstück, dem Geruch zu urteilen nach Blut und etwas anderes, das sie nicht zuordnen kann, machen ihr das nicht gerade einfach. Ein letztes Mal schaut sie zurück. Wer er wohl war?
Sie schüttelt diesen Gedanken schnell wieder ab, dreht sich um in Richtung Bahnhof und geht. Sie kommt nur sehr langsam vorran. Es ist nicht die Kälte an ihren ungeschützten Füßen, die spürt sie schon seit Stunden nicht mehr, genausowenig wie die Füße selbst. Es ist auch nicht das, was sie in der Innenstadt gesehen hat. Die vielen, am Boden liegenden Menschen, die zerstörrten Gebäude, nicht nur jedenfalls.
Es ist die Stille. Diese entsetzliche Stille. Sie hatte sie auszublenden versucht, die ganze Zeit. Doch ihre Begegnung mit dem Mann hatte es ihr wieder schmerzlich vor Augen geführt. In diversen Katastrophenfilmen, die sie gesehen hatte, waren immer eine Menge Menschen auf den Straßen gewesen, die durch schreien und kreischen auf ihr Unglück aufmerksam machen wollten. Doch hier in dieser kleinen Stadt, derren Grenzen schon fast bis an die Stadtgrenze Zürichs stößt, ist niemand mehr, der noch schreien könnte. Es ist die Stille, die sie beinah zerreißt. Doch sie muss einfach durchhalten, muss weitergehen.
Als sie vor drei Stunden aus den Trümmern des Theaters gekrochen war, da ist sie verzweifelt gewesen. Da hatte sie keinen Mut mehr, kein Ziel. Doch nun nach Stunden des Herrumirrens, ohne Plan und Hoffnung, ist ihr das Glück bewusst geworden, das ihr in dieser Nacht beschert worden war. Sie lebt noch! Und damit geht es ihr besser als tausenden anderen Menschen in der Stadt. Viel Zeit zum Nachdenken hat sie gehabt. Sie ist komplett allein. Die Bombe hat die Menschen überrascht. Was immer sie auch gemacht hatten als mitten in der Nacht die Sonne explodierte, niemals hätten sie mit so etwas gerechnet. Niemals. Sie hatten geschlafen, haben ferngesehen, sind im Kino gewesen, oder, wie sie, im Theater. Sie ist während der Pause explodiert. Die Schlange vor der Damentoilette ist so lang gewesen, schon fast unmenschlich. Sie hatte in den Sommerferien als Bühnenhelferin dort gearbeitet und kannte sich aus. Sie hatte von der Toilette im Keller gewusst. Dem Kellerm der im zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker benutzt worden ist. Deshalb lebt sie. Und die anderen sind tot. Alle tot.
Und da wird es ihr klar. Sich durch den Schnee kämpfend geht ihr ein Licht auf und es kommt ihr vor als hätte man sie mit einem Baseball-Schläger niedergeprügelt. Es ist nicht die Stille, die sie zurückgehalten hatte. Es ist die Realität. Einzig und allein die Realität. Ihre Begegnung mit dem Verbrannten hatte ihr diese schreckliche Realität ins Gedächtnis gerufen, sie aufgeweckt. Da wird kein Taxi sein. Da wird nicht einmal mehr ein Bahnhof sein! Ihr Marsch durch die weiße Hölle ist umsonst gewesen. Keine Hoffnung. Ihre Schritte werden immer schwerer. Der Schnee erscheint ihr nun meterhoch. Und doch geht sie weiter. Was sie dazu bewegt, weiß sie selbst nicht. Sie spürt die Kälte auch wieder mehr und mehr. Doch sie kämpft weiter. Sie will nach Hause. Nach Hause. Taxi. Vielleicht doch...
Der weiße Schleier vor ihren Augen wird dichter. Mehr Schnee. Oder ist das schon die Asche, von der sie in Büchern gelesen und Filmen gehört hatte? Sie kann kaum noch etwas sehen. Ist das ein Auto? Ein Taxi? Sie stolpert vorwärts, stürzt. Krabbelt weiter. Sie erreicht das Auto. Es ist gelb. Ein Taxi. Tatsächlich. Sie wird nach Hause kommen. Mit letzter Kraft zieht sie sich an der hinteren Tür hoch, öffnet sie und lässt sich in den Innenraum fallen. Zum Schließen der Tür reicht ihre Kraft nicht mehr. Sie kann anscheinend nicht einmal ihre Augen richtig, offen halten, denn noch immer versperrt ein Schleier ihr die Sicht. Noch bevor sie sich darüber Gedanken machen kann, oder darüber, warum der Fahrer nicht spricht und auch nicht losfährt, schließen sich ihre Augen endgültig. Dunkelheit umgibt sie. Leise fällt der Schee durch das weggerissene Dach des Wagens auf ihr ehemals hübsches, rotes Gesicht. Doch das spürt sie schon nicht mehr.
Stille.
Dunkelheit.
Nach Hause.

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