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Friday, 10. July 2020
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 1910-03-06 hh:mm
Walter
Ziemlich viel Zeit ist vergangen. Wie schnell geschah das auch! Ja, wenn man seine Beschäftigung hat, dann vergeht die Zeit „nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt u. den du nicht genutzt, den hast du nicht erlebt“.
Ein ganzes Jahr bin ich nun schon im Seminar. Hoffentlich komme ich Ostern ins II. Seminar! Wenn mir nur Rechnen nicht so schwer fallen möchte. Das ist gerade, als wenn sich eine schwarze Wand vor meinen Geist legte, so dumm bin ich! Hoffentlich überwinde ich dieses Hindernis noch mit des Herrn Hilfe.
Die Welt ist ein Rätsel! Oft frage ich mich, warum lebst Du? Nur um zu lernen u. wieder zu vergessen, dann pauken, Examen machen u. dann jahrein u. aus Kinder zu unterrichten! Das ewige Einerlei! Vielleicht versteh`ich noch nicht diesen hohen Zweck. Aber xxx muß das Herz doch bleiben! Denn meiner Ansicht nach ist der Beruf der Frau verfehlt, wenn sie nicht heiratet. Doch alle können ja nicht heiraten. Und ob es wohl das beste ist? Wieviele unglückliche Ehen giebt es heutzutage? Das doch alles nur aus dem Drang nach Gold. Wie weit ist doch die Welt zurückgegangen! Alles Ideale muß doch da schwinden. –
Hier in Torgau ist ein Penäler (Carl Walter 21 Jahre.) er ist ein hübscher Mensch. Große stattliche Figur, blaue Augen u. dunkles Bärtchen. Ich weiß nicht, wie es kam. Wir kennen uns nicht persönlich. Aber im Geiste fühle ich mich mit ihm eins. So viel ich weiß und beobachten kann, scheint bei ihm das auch der Fall zu sein. Doch wer garantiert mir. Ich könnte für den Menschen alles tun. Lieben tue ich ihn über alles. Ich möchte ihn manchmal neben mir haben u. ihm alles sagen u. dann für mich behalten. Ist das nun wahre Liebe, oder nur Schwärmerei. Stets ärgere ich mich, wenn ich zu weit gegangen bin, wenn ich ihn zu liebeglühend angeblickt habe. Doch warum soll man so steif sein?
Warum kein Mensch ohne jede Schranke? Aber die Leute, o, wie furchtbar sind sie! Hier in Torgau vor allen Dingen. Giftige Blicke schicken sie uns zu! Warum nur! Wir tuen ihnen ja nichts! Doch das ist einerlei.- Oh, wenn ich wüßte, wie dieser Walter über mich denkt. Ob er mich wirklich liebt, ob er es ernst meint?. Oder ob er mit mir spielt! O, nur nicht! Doch wer sagt es mir? Können denn Augen lügen? Vielleicht! Ja, es lügt ja alles in der Welt, die heiligsten u. idealsten Güter werden beschmutzt. So im großen und ganzen benimmt er sich nett und zurückhaltend, oft noch ungeschickt (ist ja auch noch jung) Aber näher kenne ich ihn ja nicht. Möge er auch sein, wie er will, nur spielen soll er mit mir nicht. Ich will nicht so dumm sein u. darauf hineinfallen. Doch man läßt sich so leicht betören. Alles kann man angreifen, doch ist der Mensch wohl am aller empfindlichsten da, wo er sein größtes Heiligtum hat „die Liebe zwischen
Mann u. Frau“ u. wenn das entzweiet wird, was ist dann noch heilig im Leben. Die Ansichten der Menschen sind hierüber sehr verschieden. –
Trude Fischer ist es so ergangen. Sie hat sich von „Erker“ betören lassen u. war die Dumme. Nun ist sie hier. Doch hat sie sich wohl bald darüber gesetzt – da sie sehr leichtes Blut hat und ein tüchtiger Durchgänger ist. Ich bin mit ihr fast gänzlich auseinander. Das macht wohl weil unsere Schulinteressen sehr verschieden sind. Ostern kommt ihre Schwester Lotte auch her, na, schön wird es für Trude nicht sein. Hoffentlich besteht sie ihr Examen, welches am 16 und 17 März stattfindet. – Ostern ziehen wir auch in unser neues Haus in Halle nach der Kurfürstenstr. 7. Ich freue mich riesig drauf, noch zumal, da Dienemanns bei uns im II. Stock gemietet haben. Hoffentlich vertragen wir uns gut zusammen. So nun kann ich wieder mal für lange Zeiten schweigen. Wollen hoffen, daß alles gut gehen möge. „Herrn den ich tief in meinem Herzen trage, sei Du mit mir! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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