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Sunday, 20. September 2020
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Tagebuch staunistauni
 1989-11-10 hh:mm
Das neue Leben in Bayern

 

Während Helmut, Elvira und Dirk noch einige Wochen in der Pension ausharren mussten, zogen die jungen Leute Anfang November in eine für DDR-Verhältnisse luxeriöse 3-Zimmer-Wohnung. Alle Zimmer waren holzgetäfelt.

Da in den kleinen gemieteten Opel Corsa nicht alle Utensilien passten, fuhren Helmut, Jörg und Dirk noch einmal in das Übergangsheim, um die restlichen Gepäckstücke zu holen. Auf dieser Rückfahrt wäre den drei Männern um ein Haar ein anderes Auto in die Seite gefahren. Man darf sich gar nicht ausmalen, was hätte passieren können.

In dieser Zeit saßen Martina, die zwei Kleinen und Elvira in einer fast leeren Wohnung. Sie setzten sich auf die zwei einzigen Stühle in der Küche und schauten sich hilflos an. Am liebsten hätten die beiden Frauen losgeheult. Um von den trüben Gedanken abzulenken stand Elvira auf und sagte: „Ich koche uns jetzt erst mal eine Suppe!“ Ein Herd stand in der Küche und einen Topf und Besteck hatte Martina. Die Suppe war eben fertig, da klingelte, wie vom Himmel gerufen, die türkische Nachbarin Sahide an der Tür. Sie verstanden sich zwar kaum, aber Sahide hatte sofort gesehen, was hier am nötigsten war und brachte ein paar Teller.

Später, als die Männer mit den Koffern kamen und von ihrem Beinaheunfall berichteten, hatten sich sich die beiden Frauen schnell von ihrem Tief erholt und waren nur noch froh, dass alle wieder gesund zusammen sein konnten. Es geht also weiter....immer weiter......

Der Arbeitgeber von Jörg hatte freundlicherweise zwei Betten und ein Kinderbett sowie einen Tisch und zwei Stühle in die Wohnung gestellt, Daniel schlief in seinem Kinderwagen. So verbrachten die Vier die erste Nacht in ihrem neuen Zuhause.

In der nächsten Woche nahmen Maik und Karen Helmut mit zu einem Autohändler. Als er danach mit einem silbernen Pkw „Daihatsu“ ankam, glaubte Elvira, dass ihn der Größenwahnsinn gepackt hätte. Das Auto kostete 4500.--DM und er bekam es ohne jede Anzahlung, sogar mit einigen Litern Sprit. Die monatliche Abzahlung wurde auf 100,--DM festgelegt. Glücklich darüber, endlich etwas beweglicher zu sein, fuhren die drei am gleichen Abend noch zu Jörg, um für seine Familie die Einkäufe fürs Wochenende erledigen zu können. Sie staunten allerdings nicht schlecht, als Jörg ihnen seinen gerade zu ähnlichen Konditionen erstandenen hellgrünen Audi vorführte. In ihrer Freunde machten sie alle gleich eine erste gemeinsame Ausfahrt mit ihren „Westfahrzeugen.“

 

Dirk, der ja eigentlich von allen am meisten verdiente, hatte seine Ansprüche zugunsten der Familie erst einmal zurückgestellt. Er kaufte von einem Kollegen ganz günstig einen kleinen roten Roller und fuhr mit diesem täglich bis zum Treffpunkt und dann mit in Maiks Auto zur Arbeit. Ein älterer Kollege schenkte ihm dazu ein gebrauchtes Fahrrad und noch einigen Hausrat, den Schefflers dankbar annahmen.

Helmut arbeitete inzwischen bei einer Tiefbaufirma. Man hatte ihm bei der Einstellung eine Kraftfahrerstelle versprochen, sagte ihm aber, dass die Stelle im Moment noch besetzt sei und er erst einmal im Tiefbau arbeiten müsse. Es wurde Winter und er hatte keine warmen Sachen. Helmut arbeitete den ganzen Tag an der frischen Luft. Er hielt trotz der einsetzenden starken Kälte tapfer durch, obwohl er doch so schwere Arbeit nicht gewöhnt war. Allerdings gab es bei der Arbeit mit der Verständigung oft große Probleme. Er verstand die Bayern nicht und sie verstanden ihn erst recht nicht. Wenn er z.B. den Auftrag bekam: “Hole mal ein Hölzl“, dann konnte er natürlich nicht wissen, dass er einen schweren Holzbalken bringen sollte. Nun konnte es sein, die anderen dachten, er wollte nicht arbeiten. Jedenfalls wartete er umsonst geduldig auf die Kraftfahrerstelle. Man hatte nur einen Tiefbauarbeiter gebraucht. Die Kraftfahrerstelle bekam später ein neuer junger Kollege aus Bayern. Doch diesen eisigen Winter hielt Helmut durch. Er wollte ja nicht gleich wieder die Arbeit wechseln. Nur die warmen Sachen machten ihm Sorgen. Vor dem ersten Gehalt konnte nichts gekauft werden und so gingen Schefflers schweren Herzen zu einer Caritaseinrichtung. Sie standen davor und trauten sich nicht hinein. Sie schämten sich und kamen sich vor wie die Bettler. Das Peinlichste für Elvira war, dass sie sich von der Stange mit den getragenen Sachen eine Jacke aussuchte, die aber, wie sich später herausstellte, der Beschäftigten von der Caritas persönlich gehörte. Mit ein paar Kleidungsstücken im Arm und mit dem Gedanken: “Nie wieder!“ verließen sie diesen Ort.

 

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