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Tagebuch Doc12
2010-11-24 09:12
Der weinende Clown - 123
„Man bemüht sich in Deutschland aber doch redlich um die Gerechtigkeit“, bemerkte Bruno.
„Man bemüht sich. Möglich. Aber diese Bemühungen zeigen keine effizienten Resultate, denn siehe: Ginge es gerecht zu, gäbe es in Deutschland keine Armut. Gerechtigkeit vermeidet Armut, doch zwischenzeitlich gibt es genügend Armut in eurem Lande und das in einem der offiziell wohlhabendsten Ländern! Eines eurer Themen heißt Kinderarmut – und habt ihr früher für die armen Kinder in den Entwicklungsländern Geld gesammelt, so seid ihr heute fast gezwungen, dies für die eigenen zu tun. Eigentlich solltet ihr euch schämen, doch was ist Scham? Ihr wisst es heute kaum mehr. Und wo sind die sozialen Chancen im Wirtschaftsleben? Ein weiteres Thema eurer Zeit heißt Arbeitslosigkeit – die einen hungern, leben von Sozialhilfe, wobei diese zum Sterben zu viel ist und zum Leben zu wenig, die anderen verdienen soviel, dass sie nicht wissen, wohin mit dem vielen Geld – eure Bankchefs und Manager beispielsweise. Wobei das Wort ,verdienen’ hier reiner Hohn ist. Selbst wenn diese Leute eine hohe Verantwortung tragen und es damit begründen, sind Summen von zehn oder zwanzig Millionen jährlich nicht gerechtfertigt, denn Verantwortung trägt ein einfacher Automechaniker auch – letztlich sogar für Menschenleben, denn vergisst er, die Räder ordentlich festzuschrauben, kann es tödlich enden. Glaubst du, dass dies eine gerechte Einkommensverteilung ist? Als nächstes: Wo ist eure Chancengleichheit? Auch dieser Begriff ist nur eine
Farce, denn es müsste selbst dir hinlänglich bekannt sein, dass die Kinder reicher Eltern weit mehr Möglichkeiten haben, eine gute Bildung oder Ausbildung zu erlangen als die von armen Leuten, denn Ausbildung und Studium kosten in eurer Gesellschaft Geld, obwohl Wissen kostenlos sein sollte, weil es eigentlich allen gehört und nicht nur einer Gruppe privilegierter Menschen. Und weiter: Wo ist die gerechte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau? Frauen verdienen in eurer Gesellschaft immer noch weit weniger als Männer, obwohl sie oftmals viel mehr zu leisten imstande sind, es auch tun und dazu mit Haushalt und dem Aufziehen der Kinder oft noch doppelt belastet sind. Nennst du das Gerechtigkeit? Du siehst also, mein Sohn – es gibt sie nicht, auch wenn ihr dieses Wort gerne in den Mund nehmt und oft sogar nach ihr schreit.“

„Was kann man dagegen tun?“, wollte Bruno wissen.
„Nichts. Oder doch: Dazu müsstet ihr zunächst einmal bessere Menschen werden als die, die ihr seid, ihr müsstet eure Einstellung zueinander ändern, ihr müsstet endlich aufhören, um jede Kleinigkeit zu kämpfen, weil ihr kleinlich denkt, ihr müsset toleranter werden, ihr müsstet damit Schluss machen, die Natur und damit euch selbst zu schädigen, ihr müsstet, ihr müsstet, ihr müsstet ... ihr müsstet so viel! So aber habt ihr euch eine Gesellschaft aufgebaut, die euch auf Dauer ins Verderben führen wird.“
„Starke Worte. So schlecht ist unsere Gesellschaft nun auch wieder nicht. Sie hat doch allerhand geleistet und es gibt noch Menschen, die anders sind, anders denken und auch ...“, wandte Bruno ein.

Gott unterbrach ihn: „Sicher gibt es die. Warner, Andersdenkende, Weitsichtige und Menschen, die ihrer Zeit weit voraus waren, gab es schon zu allen Zeiten, doch wurden sie je beachtet? Der Prophet im eigenen Lande gilt nichts bei euch. Ihre Warnungen wurden stets in den Wind geschlagen, man hat sie ob ihrer Gedanken und Werke verhöhnt und ausgelacht, sie für Spinner oder gar Irrsinnige gehalten, sie an den Pranger gestellt, eingesperrt oder umgebracht, sie mundtot gemacht, denn sie waren unbequem und passten nicht in das allgemeine Denkschema. Im besten Falle wurden sie einfach ignoriert. Als Beispiel nenne ich dir jetzt nur einmal Galileo oder auch Kopernikus, die beide schwere Anfeindungen der Kirche ertragen mussten, weil ihre Erkenntnisse nicht in deren Dogmen gepasst haben, meine lieben katholischen Vertreter auf Erden der Zeit immer fast vierhundert Jahre hinterher hängen und sie erst 1835 eingesehen haben, dass die Erde eben nicht der Mittelpunkt des Universums ist, obwohl man ihnen das schon Jahrhunderte vorher erzählt hat und Martin Behaim anno 1490 bereits mit einem selbstgebastelten Globus rumspielte.“ Gottfried lachte und meinte weiter: „Die haben mich auch sehr lange für einen Scheibenfabrikanten gehalten oder so, ich aber habe stets Nägel mit Köpfen gemacht und runde Sachen, wie Planeten, Sonnen und Monde beispielsweise ... Somit steht ganz klar fest: Sie haben mich immer schon unterschätzt.“

Bruno musste lachen, dann nahm er das alte Thema wieder auf und fragte: „Was findest du denn nun so schlecht an dieser Gesellschaft?“
„Da kann ich dir eine ganze Menge Dinge aufzählen, die du mir zunächst nicht glauben magst, wenn du aber nachdenkst und in dich gehst, wirst du tief in dir die Bestätigung finden: Ihr seid, was die Medizin betrifft, heute sehr weit, habt aber eine weniger gute Gesundheit als eure Vorfahren. Ihr habt zwar viel mehr sogenannte Experten als früher – aber weit mehr Probleme. Ihr habt heute viel mehr Wissen als die Menschen der früheren Generationen, aber weit weniger gesunden Menschenverstand und euer Urteilsvermögen ist nicht mehr sehr ausgeprägt. Ihr seid zu Fachidioten geworden, in der Schule lehrt man euch die euklidische Elementargeometrie, doch ansonsten ist die Milka-Kuh lila und der Strom kommt aus der Steckdose. Ihr lebt in größeren Häusern als früher, habt aber kein Heim und eure Familien sind jedoch kleiner geworden. Ihr seid oberflächlich und unbekümmert, seid rücksichtslos gegeneinander, euer Lachen ist selten geworden, dafür ärgert ihr euch um so schneller. Euren Besitz habt ihr vermehrt und dafür eure Werte reduziert. Ihr redet zu viel, tut zu wenig, ihr liebt euch zu wenig und ihr lügt zu oft. Ihr seid mit großem technischen Aufwand zum Mond geflogen, habt Sonden auf den Mars geschickt, aber es bereitet euch Mühe, ein paar Straßen weiter eure Freunde und Nachbarn zu treffen. Ihr habt höhere Einkommen als früher, doch gleichzeitig dazu ist eure Moral gesunken. Ihr seht nur stets das Äußere, beachtet aber nicht das Innere, das oft viel mehr wert ist – und ihr habt gelernt, wie man existiert, seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht, wie man lebt und was die eigentliche Bedeutung des Lebens ist. Und die meisten von euch haben panische Angst davor, ihr Leben voll zu entfalten, haben Angst vor ihrer eigenen Courage und verschwenden so ihre besten Talente, da sie durch diese Angst nie erfahrbar werden. Reicht dir das oder soll ich dir noch mehr erzählen? Wir haben uns im Biergarten schon mal darüber unterhalten, erinnerst du dich?“

„Ja, ich weiß. Und damals hast du mir gesagt, du könntest eine Menge Dinge aufzählen, an denen es krankt. Danke. Du hast es nun getan und ich glaube, das reicht. Mir wird gleich schlecht.“
„Das vergeht wieder. Noch schlechter würde dir werden, wenn du wissen würdest, was der Menschheit in Zukunft bevorsteht, wenn sie so wie bisher weitermacht, aber ich will dich nicht ängstigen und du wirst es letztlich auch nicht mehr erleben.“
„Mein Gott, du immer mit diesen ernsten Themen!“
„Jetzt hör mal! Du hast mich gefragt, mein Sohn, also gebe ich dir eine Antwort. Du suchst Antworten auf deine Fragen, also sollst du welche haben. Das habe ich dir aber schon vor längerer Zeit gesagt. Ich weiß, die Wahrheit ist oft nicht angenehm und wer sie im falschen Augenblick sagt, gilt manchmal als zynischer Mensch – aber ich bin ja keiner“, sagte Gott lachend und fügte hinzu: „Und jetzt mach’s gut, mein Freund, sei froh und heiter und ...“
„ ...sündige nicht“, ergänzte Bruno grinsend. Damit war das Gespräch beendet.

Kommentare

07:45 25.11.2010
Ja, da muss ich Dir zustimmen, unbekannt. Aber lange ist es nicht mehr bis es endlich vorbei ist.
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unbekannt
19:19 24.11.2010
Ich bin geneigt, das Lesen zu lassen...sorry Herr Sprenzinger aber das ist echt sch....

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2010-11-24 09:12