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Tagebuch Doc12
2010-12-14 06:33
Der weinende Clown - 139
Eine Stunde später trennte man sich. Donatello und Margareta hatten noch vor, einen Einkaufsbummel zu unternehmen, Sarah und Bruno drängte es nach Hause, da sie die Nachbarin mit dem Babysitting von Karsten nicht über Gebühr strapazieren wollten.
„Wir sehen uns morgen in der Kirche“, rief Donatello und winkte zum Abschied.

Der folgende Samstag war ein herrlicher Dezembertag, die Sonne strahlte vom blauen wolkenlosen Himmel. Die Bäume waren dick bereift, die Luft kalt und klar.
Als Bruno, Sarah und Karsten die kleine Kirche betraten, waren bereits einige Leute versammelt, Bekannte und Freunde von Margareta, wie Bruno zunächst vermutete. Das Brautpaar hatte ganz vorne am Altar auf einem Hochzeitsbänkchen Platz genommen. Donatello blickte sich für einen kurzen Moment um, bemerkte sie und deutete ihnen an, sich in die vorderste Kirchenbank zu setzen, was sie auch taten.
Die Kirchenglocken begannen zu läuten. Als sie nach einer Weile wieder verstummt waren, öffnete sich die Sakristeitür. Ein etwa 1,85 großer Priester mit gepflegten vollen grauen Haaren, das ebenmäßige Gesicht von der Sonne kupferfarben gebräunt, erschien mit zwei Ministranten und schritt langsam auf den Altar zu. Die Orgel begann zu spielen. Als das Lied zu Ende war, ging der Geistliche zum Brautpaar, blieb vor ihm stehen, nickte kurz und lächelte freundlich, als er sagte: „Liebe Margareta, mein lieber Donatello, heute ist der Tag, an dem ihr eure Liebe besiegelt. Ich wünsche euch, dass diese Liebe für immer bei euch bleiben möge.“

Margareta und Donatello sahen sich einen Moment lang überrascht an.
„Eigenartig – er kennt die beiden anscheinend schon länger, er duzt sie sogar“, flüsterte Sarah Bruno ins Ohr.
Bruno reagierte nicht, sondern saß nur starr da, den Blick wie hypnotisiert auf den Priester gerichtet.
Sarah stieß ihn mit dem Ellbogen leicht in die Seite. „Schatz, was ist los? Geht es dir gut?“
Bruno löste sich langsam aus seiner Starre und stammelte leise: „Es ist ... es ist ... nicht zu fassen ...!“
„Was hast du denn?“
„Kommt dir der Priester nicht bekannt vor?“, flüsterte er.
Sarahs Blick ging nach vorne zum Altar und hin zum Priester. Dann flüsterte sie erstaunt: „Das ist doch ... Er sieht aus wie Gottfried!!“
„Es ist Gottfried.“
„Bist du sicher?“
„Ich weiß es.“
„Du Mama – das ist doch der Mann, der bei uns zum Essen war, oder?“, meldete sich nun auch Karsten zu Wort.
„Psst! Leise!“, ermahnte Sarah den Jungen.

Der Geistliche wandte sich nun unmittelbar an Bruno und Sarah und sprach weiter: „Und den beiden Trauzeugen Bruno und Sarah wünsche ich das Gleiche – auch euch soll eure Liebe für immer verbinden – und ich versichere euch, Gott
wird über euch und eure beiden Kinder Karsten und Lisa wachen.“
„Wer ist Lisa?“, fragte Karsten leise.
„Dein Schwesterchen, das du bekommen wirst“, antwortete Bruno.
„Ui, toll!“
„Und jetzt wissen wir, dass wir rosarote Babywäsche kaufen können“, wisperte Sarah und lächelte.
„Und um die Namensfindung brauchen wir uns wohl auch keine Gedanken mehr zu machen“, flüsterte Bruno zurück.
„Ich bin übrigens Pater Gottfried und vertrete heute den zuständigen Pfarrer dieser Gemeinde, Herrn Hochwürden Ewald Gerstlauer. Er ist leider kurzfristig erkrankt“, redete der Geistliche weiter, drehte sich dann zu Margareta und Donatello und fuhr lächelnd fort: „Ich hoffe, es macht euch nichts aus, mit mir vorlieb zu nehmen.“

Der Priester ging zurück zum Altar, gleichzeitig begann die Orgel wieder zu spielen. Als der betagte Messdiener den 1. Korintherbrief aus der Bibel vorgelesen und die anwesenden Hochzeitsgäste das Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König ...“ beendet hatten, trat Pater Gottfried nach vorne, der alte Messdiener hatte bereits die Bibel mit dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 18 aufgeschlagen
und trat zur Seite, um ihm den Weg zum Pult freizumachen, doch der ging schnurstracks an ihm vorbei und trug das Evangelium völlig frei und auswendig vor ohne auch nur ein einziges Mal zu stocken. Der glatzköpfige Messdiener schüttelte verwundert den Kopf. Schließlich machte der Priester eine kleine Pause, sah Sarah und Bruno direkt in die Augen und fuhr mit dem Vers zwanzig fort: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen ...“
„Unglaublich. Speziell diese Trauung hat er tatsächlich zur Chefsache erklärt“, flüsterte Bruno Sarah ins Ohr und lächelte dabei.
„Und nun, liebes Brautpaar, liebe Hochzeitsgäste, sollte ich eigentlich eine Ansprache halten“, schloss Pater Gottfried die Lesung ab und fuhr fort: „Aber ich will
euch statt dessen lieber eine kleine Geschichte erzählen:
Es gibt eine alte Legende. Sie erzählt davon, dass es da zwei Menschen gab, die sehr glücklich miteinander lebten. Sie waren zufrieden mit dem, was sie hatten und miteinander teilten. Ihr Liebe war durch die Jahre ihres Zusammenlebens beständig gewachsen. Eines Tages fiel ihnen ein altes Buch in die Hände, in dem stand, dass es irgendwo, in weiter Ferne, irgendwo am Ende der Welt, einen Ort gäbe, an dem unermessliches Glück zu finden sei. Es sei der Ort, so sagte das alte Buch, an dem der
Himmel die Erde küsst. Die beiden beschlossen, diesen Ort zu suchen und machten sich auf den Weg, der lang und voller Entbehrungen war. Bald wussten sie nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren, doch aufgeben wollten sie nicht. Fast am Ende ihrer Kraft erreichten sie eine Tür, wie sie im Buch beschrieben war. Hinter dieser Tür sollte es sich befinden: Das große Glück, das Ziel ihres Hoffens und Suchens. Welch eine Spannung war in ihnen! Wie wird er wohl aussehen, der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst, der Ort, an dem solch grenzenloses Glück herrschen sollte?
Sie klopften an. Die Tür öffnete sich. Sie fassten sich an der Hand und traten ein. Da standen sie nun – wieder mitten in ihrer Wohnung und waren am Ende dieses langen Weges wieder bei sich Zuhause angekommen. Und sie begriffen: Der Ort, an dem der Himmel die Erde küsst, ist der Ort, an dem sich die Menschen küssen. Der Ort, an dem der Himmel die Erde berührt, ist der Ort, an dem die Menschen sich berühren. Der Ort, an dem der Himmel sich öffnet, ist der Ort, an dem die Menschen sich füreinander öffnen. Der Ort des großen Glücks ist der Ort, an dem die Menschen sich glücklich machen.“

Die Anwesenden saßen mucksmäuschenstill. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Dann begann die eigentliche Trauzeremonie. Am Ende der Feier schließlich beglückwünschte Pater Gottfried Margareta und Donatello und fügte laut, so dass es alle hören konnten, hinzu: „Und denkt immer daran: Dort, wo euer Herz ist, da ist auch euer Zuhause. Die Liebe ist ähnlich einem wunderbaren Garten, der beständig wächst und sich immer wieder verändert. Aber dieser Garten muss gepflegt werden, sonst wird er zum Dickicht und das Unkraut nimmt überhand. Doch kümmert ihr euch liebevoll um ihn, so kann er euch zum Paradies werden.“
Dann erteilte er allen Anwesenden seinen Segen, geleitete sie zum Ausgang und verabschiedete jeden von ihnen per Handschlag. Als Bruno an der Reihe war, fragte Gottfried lächelnd: „Nun, war ich gut?“
„Einfach göttlich – als hättest du nie etwas anderes gemacht“, antwortete Bruno schmunzelnd und meinte: „Ich finde es schön, dass du dich selbst darum gekümmert hast – und es ist schön, dich wieder zu sehen.“
„Es war mir ein Vergnügen, mein Freund.“
Dann drehte er sich zu Sarah, legte seinen Arm um sie und meinte: „Ich weiß, was du mich fragen willst ... Aber sei unbesorgt, deiner Mutter geht es gut.“
Sarah nickte erleichtert und atmete tief durch. „Wird es wirklich ein Mädchen?“, wollte sie wissen.
„Habe ich doch gesagt. Nennt es Lisa.“
„Warum Lisa?“
„Weil ich mir das wünsche. Lisa ist ein griechischer Name, eine Ableitung von Elisabeth und bedeutet so viel wie ,Gott ist vollkommen’. Ihr würdet mir eine große Freude damit machen.“

„Null Problemo“, meldete sich Karsten und fragte: „Wann kommst du uns wieder mal besuchen?“
„Nie mehr. Ich muss es nicht, denn ich bin immer bei euch.“
Mit dieser Bemerkung konnte der Junge nichts anfangen, er sah schweigend zu Boden und man sah ihm an, wie es in seinem Gehirn ratterte. Gottfried legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und meinte nur: „Eines Tages wirst du meine Worte begreifen, Karsten. Nun denk nicht mehr darüber nach. Sei weiterhin ein guter Junge und höre auf deine Mutter – sie wird es immer nur gut mit dir meinen.“

Dann winkte er Donatello heran, der etwas abseits gestanden war und interessiert versucht hatte, das Gespräch mitzubekommen. Der glückliche Bräutigam kam der Aufforderung sofort nach. Als er neben Bruno stand, legte Gottfried seine Arme um die beiden und sagte leise: „Für euch, meine Freunde, gilt es, noch einige Aufgaben zu erfüllen.“
„Und welche sind das?“, wollte Donatello wissen.
„Ihr seid dazu auf dieser Welt, um sie etwas besser und fröhlicher zu machen. Gebt der Welt das, was ihr der Welt und den Menschen geben könnt: Eure Liebe und euren Humor. Versprecht ihr mir das?“
Bruno und Donatello nickten schweigend.
„Dann werde ich mich nun verabschieden. Vergesst mich nicht, ich brauche euch – euch und auch all die anderen Menschen.“

Mit diesen Worten ging er zurück in die Kirche. Leise fiel die Kirchentür hinter ihm ins Schloss.

Die beiden standen einen Augenblick still da und sahen sich seltsam berührt in die Augen.
„Nun denn, Bruder – gehen wir es an“, sagte der weinende Clown lächelnd.

Kommentare


unbekannt
13:45 14.12.2010
Einfach göttlich.

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