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Tagebuch c.
2016-02-20 22:44
The wonderful feeling of letting go
Manchmal, da entpuppen sich die Antworten, nach denen man so nie gefragt hat, als die hilfreichsten die man kriegen konnte. Manchmal sind es genau sie, die man brauchte, um Klarheit zu bekommen.

Eigentlich war seit Mittwochnachmittag alles cool. Für mich. Mit der Karte hatte ich losgelassen und konnte einfach alles laufen lassen. Ich war sogar gar nicht unbedingt scharf darauf, mit Mister Silvester groß Kontakt zu haben, ehe er die Karte bekommen hat.

Ich hatte darauf spekuliert, dass er, wie jeden Freitag, seinen Ausflug zum Biomarkt macht und unterwegs auch einen Blick in den Briefkasten wirft. Derzeit verlässt er seine Wohnung selten täglich und um zu seinem Briefkasten zu gelangen, muss er einmal ums Haus und eine Treppe draußen hochgehen, von daher wusste ich, dass er dort nur reinschaut, wenn er eh aus dem Haus muss.

Tatsächlich war er gestern beim Biomarkt. Und ich denke, er hat sich tatsächlich über die Karte gefreut. Sein Dank klang danach.

Und dann schickte er mir gegen fünf ein Bild von der Flasche Rum, die er gerade geöffnet hatte. Meine Antwort darauf las er zwar, blieb aber stumm.

Whatsapp ist so ein hässliches, kleines Tierchen. Die Möglichkeiten der modernen Kommunikation sind grenzenlos und auch so unglaublich praktisch, aber … sie können einen auch ganz schön paranoid machen. Zwei blaue Häkchen und keine Antwort … Das gibt einem schon mal zu denken.

Und so lag ich wach, auch wenn ich müde war und schlafen wollte. Lag wach und dachte und dachte und fühlte mich dabei immer schlechter, während ich versuchte abzuschätzen, ob es wirklich eine gute Idee ist, so spät in der Nacht bei einem Betrunkenen anzurufen, um Klarheit zu fordern.

Gegen halb eins schrieb ich ihm dann, aber zum Glück habe ich mir Meckern und Vorwürfe und alles gespart. Er antwortete mir umgehend, ich solle ihn anrufen und so erfuhr ich dann auch, warum meine Nachricht zwar gelesen, aber nicht beantwortet wurde:

Sein Vater hatte gestern einen Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus. Eigentlich passiert so etwas nie, aber manchmal gibt es wohl doch den Ausnahmefall, in dem es tatsächlich eine völlig logische und sinnvolle Erklärung für zwei blaue Häkchen und keine weitere Reaktion gibt.

Nun gut, um halb eins jedenfalls war der Rum so gut wie leer und Mister Silvester in einem Zustand jenseits von Gut und Böse.

Kein Wort haben wir gesprochen über uns, unsere Zukunft und die Frage, ob wir uns doch noch irgendwann, am liebsten im März, persönlich gegenüberstehen werden. Aber trotzdem war es gut.

Ich wusste, dass es ihm im Grunde seit Montag nicht gut ging und seine Stimmung ganz tief unten war. Aber ich bezog es vor allem auf seine gesundheitliche Situation und die Ungewissheit in Sachen Arbeit. Seit gestern weiß ich, dass ihn zusätzlich dazu die Vergangenheit in Form seiner Ex eingeholt hat. Von Montag auf Dienstag hat er wohl von ihr geträumt und im Nachgang festgestellt, dass er den Abschluss so für sich noch immer nicht gefunden hat, wie er nötig wäre.

Mister Silvester ist noch verheiratet. Es spielte bisher keine Rolle, weil die Ehe an sich eigentlich beendet ist. Noch lange, bevor wir überhaupt annährend in der “Ich-und-Du”-Ebene miteinander kommunizierten, hat er mir schon die Geschichte seiner Ehe erzählt. Sie war nicht deutschstämmig und ihre gesamte Familie lebte noch immer in ihrer Heimat. Den letzten gemeinsamen Urlaub machten Mister Silvester und seine Ex in ihre Heimat, zu ihrer Familie. Am letzten Urlaubstag teilte sie ihm mit, dass die Ehe beendet ist und sie nicht wieder mit zurück nach Deutschland kommen wird. Und allem Protest zum Trost blieb ihm am Ende nichts, als das zu akzeptieren und tatsächlich alleine wieder nach Deutschland zurückzufliegen.

Das ist jetzt gut drei Jahre her. Seitdem verweigert sie den Kontakt. Er wird ihren Kram nicht los und kann auch die Scheidung nicht endgültig machen, weil er ihrer nicht habhaft wird.

All das wusste ich schon vorher, aber es spielte insofern keine Rolle, als das eigentlich immer auch recht klar war, dass das Vergangenheit ist.

Vielleicht haben wir uns da beide auch etwas vorgemacht. Ich wusste bis gestern nicht, dass er letztes Jahr im Frühling versucht hat, sie noch einmal zu sehen. Für den Abschluss. Er hat ihre Adresse im Internet ausfindig gemacht (das kennen wir doch irgendwoher) und ist einfach dorthin geflogen und stand vor ihrer Tür. Gesehen haben sie sich nicht. Ein Nachbar von ihr hat sie wohl gewarnt und sie hat ihn vertröstet. „Geh ins Hotel, wir treffen uns dort später! Ach, upps, jetzt ist es Abend. Ich hatte ganz vergessen, dass ich heute Abend zu einem Termin außerhalb der Stadt aufbrechen muss, ich sitze jetzt schon im Zug. Dumm gelaufen, sorry.“

Also ist er wieder einmal unverrichteter Dinge nach Hause geflogen. Und hatte wohl eigentlich entschieden, dass es eben auch so jetzt endgültig vorbei ist. Eigentlich. Uneigentlich ist ihm wohl jetzt klargeworden, dass er doch einen saubereren Abschluss möchte, um wieder nach vorne schauen zu können. Besonders den Abschied von ihrer Familie, den es nie gab, möchte er gerne nachholen. Und auch ohne die juristische Scheidung bleibt die Verbindung ja nun mal doch immer bestehen.

Deswegen hat er entschieden, dass er in diesem Frühjahr noch einmal in ihre Heimat fliegen wird. Er hat sie zwar kontaktiert, aber sie reagiert nicht. Im schlimmsten Fall steht er wohl tatsächlich wieder vor ihrer Tür und geht diesmal dann nicht, bis er sie nicht gesehen hat.

Als er mir das alles gestern erzählte … war mir erst einmal so richtig schlecht. Aber … Eigentlich ist es auch gut. Wie präsent sie noch in der ehemals gemeinsamen Wohnung ist, habe ich anhand verschiedener Fotos gesehen. Ein bestimmtes Muster, eine bestimmte Farbgebung zieht sich durch die Einrichtung und das ist sie. In gewisser Weise. Das war mir schon vorher aufgefallen und es hat mich beunruhigt, aber irgendwie habe ich es auch verdrängt. Weil man ja auch manchmal einfach nicht die Möglichkeit hat, seine Wohnung nach einer Trennung kernsanieren zu lassen, um alle Erinnerungen zu verbannen. Aber manche der Dinge und Gegenstände … sie wären schon austauschbar oder entsorgbar gewesen …

Nein, ich glaube, es ist gut, wenn er erst einmal in seinem Leben aufräumt und mit seiner Vergangenheit abschließt. Es wenigstens noch einmal versucht. Wenn es dann wieder nicht geht … irgendwann muss man wohl einfach auch einen Schlussstrich ziehen, aber so lange man meint, noch etwas tun zu können, tut man sich vielleicht auch selbst einen Gefallen, wenn man es tut.

Ich weiß nicht bis in alle Details, was zwischen ihm und ihr war. Laut seiner Schilderung ist er das Opfer der Intrigen ihrer Familie, aber … Eigentlich muss da auch im Vorfeld einiges vorgefallen sein, damit es so eskaliert. Im Grunde spielt das auch gar keine Rolle. Aber ab und zu, da gewinnt man schon den Eindruck, dass er vielleicht durchaus etwas Obsessives in seiner Persönlichkeit vereint. Dieses Übermaß an Aufmerksamkeit, das er mir im Januar zuteilwerden ließ … Ich habe es mir vor allem durch die viele freie Zeit, die er wegen seiner Krankschreibung hat, erklärt. Ähnlich intensiv stürzt er sich derzeit in seine Facebookwelt und die Unterhaltungen und Konflikte und Streitpunkte, die es dort so gibt.

Wir sind uns in sehr vielen Dingen sehr ähnlich. Möglicherweise hat er mich im Januar mit seiner Euphorie ebenso sehr angesteckt, wie er auch dadurch meine Dämonen geweckt hat. Möglicherweise ist es gut, wenn wir uns beide erst einmal unseren eigenen Baustellen widmen, ehe wir uns aufeinander einlassen. In meinem Sinne wäre sie durchaus, die Sicherheit, dass seine Vergangenheit endgültig vergangen ist, so auf ganz lange Sicht. Umgekehrt kann es sicherlich auch nicht schaden, wenn ich auf meiner Reise noch ein ganzes Stück weiter bin, ehe wir uns miteinander befassen.

Wir haben gestern lange telefoniert. Aber wir haben nicht über uns gesprochen. Ob wir uns in nächster Zeit treffen werden oder nicht … Es spielt keine Rolle. Wir haben uns tatsächlich resettet. Zurück auf Anfang. Wir mögen uns, wir haben Kontakt, wenn es sich ergibt, dann telefonieren wir, wenn nicht, dann telefonieren wir nicht. Wenn es sich ergibt, dann sehen wir uns demnächst. Wenn nicht, dann ist auch das ok.

Nach all dem, was ich ihm im Januar gesagt habe, nach der Karte jetzt … Ich wollte selbst keinen Rückzieher machen. Und natürlich stehe ich auch noch immer zu allem, was ich geschrieben und gesagt habe. Ich glaube schon, wir könnten glücklich sein zusammen. Aber ob das auch sein soll oder nicht … es wird sich zeigen.

Vor allem habe ich mich in diesem Monat sehr in Ungewissheit gefühlt. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn da am Flughafen habe stehen lassen. Auch wenn er mich damit noch so sehr überfordert hat (und es hätte wissen können, dass es too much ist), hatte vor allem ich ein schlechtes Gewissen, weil sich der Gedanke, selbst einen schweren, unverzeihbaren Fehler gemacht hatte, so festgesetzt hat. „Du hast es wieder einmal selbst versaut!“ Dieser Gedanke war wirklich sehr präsent in den letzten drei Wochen. Jetzt ist er weg. Und das ist gut so.

Zwar habe ich versucht, mich auf mich und meine Entwicklung zu konzentrieren, so, wie ich es mir auch gewünscht hatte, aber so ganz war ich doch nie bei mir. Das Gefühl etwas verloren zu haben oder gerade dabei zu sein, es zu verlieren, es war immer präsent und ich wollte so sehr festhalten. Und immer wieder ist es im Grunde die Angst, die für all das verantwortlich ist.

Jetzt kann ich loslassen. Doch, ich glaube, jetzt kann ich wirklich loslassen. Und vertrauen. Mister Silvester und ich … Es gab sicherlich einen Grund, warum wir uns begegnet sind. Er hat Einfluss auf mich, das ist offensichtlich. Aber ich glaube, es ist ein guter Einfluss. Meine Denkweise, sie ändert sich gerade. Nach all den Rückschlägen geht es gerade wieder in meinem Leben wieder vorwärts. Es tut sich etwas, Dinge ändern sich, zum Positiven.

Vielleicht habe ich Mister Silvester einfach nur getroffen, um auf diesen neuen, besseren Weg für mich und mein Leben zu kommen. Vielleicht sollte er immer nur der Stein sein, der alles ins Rollen bringt. Vielleicht werden wir uns nie persönlich sehen, vielleicht nicht mal mehr in zwei Monaten noch Kontakt haben. Vielleicht entwickelt sich das aber doch völlig anders. Vielleicht sollen wir auch dauerhaft im Leben des anderen sein, in welcher Rolle auch immer.

Ich habe verstanden, dass alles einen Grund hat und die Dinge genauso passieren, wie sie passieren sollen. Rückblickend wird man immer den Sinn erkennen können. Und es gibt keine Umwege, Fluchtwege, Abkürzungen. Alles muss so sein, wie es ist. So langsam verstehe ich wirklich, was er meint.

Zum Schluss zwei Zitate aus einem meiner mir liebsten Filme. Eine wirkliche Empfehlung: Jude Law in der „Weisheit der Krokodile“. Ein so ganz anderer Vampirfilm, aber ein wirklich guter. Der erste Absatz ist das Zitat, mit dem der Film beginnt. Mit den beiden zweiten schließt der Film. Und es passt so sehr. Loslassen ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Loslassen ist vor allem so befreiend!

When I was a boy, I went into the forest and climbed to the top of the tallest tree.
Near the top, I slipped, and managed to just grab a branch.
It was a long drop.
I hung there until the blood in my head pounded in my ears.
I can't remember much,
but I remember the fear of falling.
.
.
.
.
.
.
When I was a boy I fell out of a tree
but I managed just to grab a branch.
I hung there for a long time, terrified.
The silence and the pain in my arms.
And the pounding in my ears.
And then I fell.
.
.
.
.
.
.
I don't remember what happened when I hit the ground.
All I can remember now is the agony of holding on.
And the wonderful feeling, the wonderful of letting go.
(The Wisdom of Crocodiles)

Kommentare

08:46 22.02.2016
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