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Friday, 23. February 2024
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 1973-09-02 hh:mm
Staatsratseingabe - ein Bumerang


Die Tage gingen ins Land. Die gute Grundstimmung, die sonst bei den Schefflers geherrscht hatte, war verflogen. Helmut und Elvira bereuten ihren Schritt aber zu keiner Zeit. Allerdings hatten sie die Vorgehensweise der Partei noch lange nicht begriffen. „Wie konnten die Sozialisten, die sich doch immer so menschlich gaben, solche Entscheidungen über ihre eigenen Genossen treffen?“

Im Gespräch mit Bekannten und Verwandten kamen immer wieder Zweifel auf, ob dieser Rausschmiss auch wirklich im Sinne der Partei war.

Elvira rang sich zu einem Beschwerdebrief an den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker durch. Solche Eingaben waren in der DDR erlaubt und Elvira wurde fristgemäß nach vierzehn Tagen zur Aussprache in die Bezirksleitung der Partei bestellt. Helmut ließ sie allerdings nicht allein dorthin gehen. Er hatte bei der Sache kein gutes Gefühl gehabt, aber seine Frau ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Pünktlich vierzehn Uhr betraten die zwei den kleinen unfreundlichen Raum. Fünf Herren warteten bereits. Das feiste Gesicht des Parteisekretärs vom Polizeiamt grinste schon. Außerdem saßen auf den mit braunem Kunstleder bezogenen Stühlen drei Polizisten, die bereits schon bei den vorangegangenen Aussprachen dabei waren. Einer von ihnen ergriff zuerst das Wort. Verblüfft über deren Anwesenheit rutschte es Helmut spontan heraus:“ Wieso sind hier eigentlich die Herren über die sich meine Frau beschwert hat? Und überhaupt, wo ist jemand vom ZK?“

Da erhob sich ein kleines unscheinbares Männchen und plusterte sich auf: „Was meinen Sie denn, wer I c h bin?“ „Es wäre schön gewesen, wenn Sie sich uns zuerst einmal vorgestellt hätten!“ konnte Helmut es sich nicht verkneifen. Die Stimmung war nun gleich in der richtigen Phase. Der „Kleine“ stellte sich in allen Punkten auf die Seite derer, denen die Beschwerde galt und bat dann den äußerst unsympathischen Herrn Parteisekretär noch einmal die Bedingungen für die Wiedereinstellung von Helmut vorzulesen.

Es folgte ein identischer Abklatsch aller schon in den Aussprachen gestellten Bedingungen. Das ZK ging völlig konform mit den Aussagen des Parteisekretärs und der Amtsleitung.

Als Elvira und Helmut diese drei Punkte wiederum entschieden ablehnten, meinte das ZK-Mitglied.“ Wenn Sie nicht verstehen, einen Ball aufzufangen, den wir Ihnen zuspielen, dann tut es uns leid!“ Damit war es nun endgültig klar. Der Staat war nicht das als was er sich darstellte. Es ging hier nicht um Menschlichkeit. Es ging einfach nur um Abgrenzung, ganz gleich mit welchen Mitteln. Die geforderte schriftliche Antwort auf die Eingabe gab es nie.

 

„Hatte Vater Schrader doch Recht mit seiner politischen Meinung gehabt?“

Helmut, dessen Vater Karl immer schon die Arbeiterpartei vertreten hatte, und der nichts anderes kannte, brauchte sehr lange, um diese Geschichte zu verarbeiten. Er sprach nie darüber, doch sein Sohn beobachtete, dass sein Vater seit dieser Zeit einen gesundheitlichen Knacks hatte. Wohin die Schefflers kamen, überall und immer wieder wurde das Geschehen bis in alle Einzelheiten erzählt und immer wieder regte sich Helmut bis auf den Grund seiner Seele fürchterlich auf.

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