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Saturday, 13. August 2022
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2010-08-25 08:51
Der weinende Clown - 34

Der Schlag kam kurz und trocken, dann schrie jemand „Au!!“ und es folgte ein lautes Stöhnen. Boretti hielt sich die Hand vor das rechte Auge. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Der Lehrer, der gerade an der Tafel stand, mit quietschender Kreide eine mathematische Formel schrieb und nicht sah, was hinter ihm vorging, drehte sich blitzschnell um, erkannte die Situation jedoch sofort und ging eilig auf den Schüler zu.

„Boretti – was ist los? Er zog ihm die Hand vom Gesicht, besah sich das Auge, dann fragte er streng: „Wer war das??“
„Castiglioni.“
Wütend fuhr er auf Donatello zu. Castiglioni, steh auf! Warum hast du Boretti ins Gesicht geschlagen?“, schrie er ihn an.
„Mir ist die Hand ausgerutscht“, antwortete Donatello.
„Die Hand? Ich glaube eher, es war die Faust!“
„Boretti hat mich seit Tagen geärgert.“
„Er hat dich geärgert – aha! Und das ist für dich ein Grund, ihm ein blaues Auge zu schlagen? Ist dir klar, was hätte passieren können? Er könnte jetzt blind sein!“
„Ich habe ihn davor gewarnt, mich auszulachen, aber er hat nicht damit aufgehört. Entschuldigung, ich wollte das nicht tun.“
Die Stimme des Lehrers wurde etwas milder. „Er hat dich ausgelacht. So, so. Und wie?“
„Er hat mich als Clown bezeichnet – als dummen August.“
„Boretti – stimmt das?“
„Ich habe nur gesagt, er ...“
„Boretti! Ja oder nein?“, hakte der Lehrer unbarmherzig nach.
„Ja“, gab der Schüler kleinlaut zu.
„Castiglioni – jetzt frage ich dich: Ist Clown für dich wirklich so ein Schimpfwort, dass dieser Schlag ins Auge gerechtfertigt war?“, wollte der Lehrer wissen. „Gegen Clown habe ich nichts, aber er bezeichnete mich auch als dummen August – und das lasse ich mir nicht gefallen. Niemals!“

„Setzt dich, Castiglioni“, befahl der Lehrer, zog ein Taschentuch aus der Jacke, tränkte es am Waschbecken mit kaltem Wasser und reichte es Boretti. „Drück dir das aufs Auge, damit es nicht anschwillt.“ Dann ging er zurück an die Tafel. „So Herrschaften, die Mathematikstunde ist beendet, wir wechseln das Thema.“

In der Klasse herrschte betretenes Schweigen. Alle erwarteten nun eine heftige Standpauke. Doch der Lehrer fuhr ruhig fort: „Castiglioni glaubt also, Clown oder dummer August sei ein Schimpfwort, Boretti ist anscheinend auch dieser Meinung. Wer von euch noch?“ Fast alle hoben die Hand. „Gut. Dann die nächste Frage: Wer von euch war schon mal in einem Zirkus und hat einen Clown gesehen?“
Bis auf einige wenige hoben alle wieder die Hand. „Was macht ein Clown?“, wollte der Lehrer wissen. „Er ist blöd“, antwortete ein Schüler in der ersten Reihe. „Er macht Unsinn“, meinte sein Nachbar.
„Stimmt so nicht ganz“, erwiderte der Lehrer und fuhr fort: „Wenn es so wäre, dann könnte man Donatello Castiglioni tatsächlich als Clown bezeichnen, denn einem anderen ein blaues Auge zu schlagen, ist blöd, ist Unsinn.“

„Ein Clown macht auch witzige Sachen“, meinte ein anderer.
Der Lehrer nickte und meinte: „Nun gut, dann hört mal zu: Clowns – früher waren es die Spaßmacher und Hofnarren – haben eine lange Tradition. Bereits ab dem 15. Jahrhundert gab es an den fürstlichen Höfen Hofnarren. Ursprünglich kam dieser Brauch, Hofnarren zu halten, aus dem Orient. Die Aufgabe eines Hofnarren war es, die Gesellschaft bei Hofe zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Sie waren gern gesehen, weil sie gute Laune verbreiteten – doch nicht nur deshalb: Sie waren Künstler, konnten singen, spielten verschiedene Instrumente, erzählten Geschichten – und sie hatten die sogenannte Narrenfreiheit. Dieses Wort verwendet man heute noch in der ursprünglichen Bedeutung. Und was heißt das?“
„Die durften alles machen, was sie wollten“, meinte ein Junge in der dritten Reihe.
„Nicht ganz, aber fast.“ Der Lehrer lächelte und fuhr fort: „Sie hatten besondere Rechte bei Hofe, sie waren kleine Könige und besaßen sogar ihre eigenen Insignien – die Narrenkappe und das Narrenzepter. Viele Hofnarren standen mit ihren Herren innerhalb des Hofes auf fast gleicher Ebene, sie waren es, die ihnen die Wahrheit schonungslos ins Gesicht sagen oder sie auf Fehler hinweisen durften. Jeder andere, hätte er es getan, wäre vermutlich sofort geköpft oder zumindest aber gefoltert worden. Und wisst ihr, warum sie das durften?“

Keiner der Schüler meldete sich.
„Weil es besondere Menschen waren. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Wer für die anderen den Narren machen kann, der kann auch noch etwas Besseres. Was bedeutet diese Aussage? Kann mir das jemand von euch sagen?“
Donatello meldete sich. „Das könnte bedeuten, dass sie gescheit und schlau waren und sich nur dumm gestellt haben.“
„Völlig richtig. Und sie waren nicht nur gescheit, sondern oft sogar sehr lebensklug und hatten Bildung, vor allem aber eine enorme Menschenkenntnis und eine besondere Beobachtungsgabe, die nötig ist, um die Schwächen der Menschen überhaupt erst zu sehen und aufzudecken. Und dazu kam noch die Kunst, alles so zu verpacken, dass den Leuten der Spiegel vorgehalten wurde – sie aber dennoch ihr Gesicht wahren konnten. Eine Gratwanderung, die sehr viel  Feingefühl erforderte.
Ein dummer Mensch kann das nicht. Ein intelligenter Mensch kann sich
dumm stellen, aber ein dummer Mensch könnte sich niemals intelligent stellen. Und ob ihr es nun glaubt oder nicht: Oftmals fungierten die Hofnarren sogar als königliche Berater und brachten ihre Herren zum Nachdenken. An dieser Aufgabe hat sich bis heute nichts geändert: Ein Zirkusclown bringt die Menschen nicht nur zum Lachen, indem er nur Späße macht oder ihnen einen Spiegel vorhält – ein guter Clown macht die Menschen auch nachdenklich. Wer von euch kann mir einen bekannten Clown nennen?“

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2010-08-25 08:51