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Tagebuch tessmer
2009-10-19 00:42
Der Unschuld ein Ende

Der Unschuld ein Ende

 

Über einen Schriftsteller lässt sich allgemein sagen, dass, er sich seiner Umwelt in empfindsamer Weise besonders ausgeliefert fühlt.

Der Erfahrungshorizont, die subjektive Lebenseinschätzung und das  Erleben, aber auch eine natürliche Begabung für Ausdrucksweisen fließen in den geschriebenen Text mitein.

Der Schriftsteller erkämpft sich seine Welt durch Wörter, die zu Sätzen werden, die wiederum zu Leben erweckt werden durch Leser.

Meist sind Ergebnisse, die sich im näheren Umfeld abspielen, Anlass  sich mitzuteilen.

Dieses traumatische Ergebnis im nähren Umfeld nenne ich Schulabschluss.

Schüler behaupten, das Ende der Schulzeit, sei wie ein Befreiungsschlag, wie ein Schritt in die Unabhängigkeit, wie ein Schritt in ein neues besseres Leben. Falsch.

Nach der anfänglichen Euphorie, sofern es denn eine gibt, dauert es einige Wochen bis der neue Schritt der Zukunft dann auch wirklich vollzogen wird.

 Meist bedeutet das für Abiturienten: Ausbildung oder Studium.

Die Möglichkeit der Arbeitslosigkeit lasse ich hier aus Platzgründen erstmal weg.

Denkt man länger darüber nach, stellt man fest, dass dies (nämlich der ‚neue’ Schritt in die Zukunft) auch nicht gerade die Erfüllung aller Wünsche und naiven Träume sein kann.

Man erkennt, dass die neu ereichten Freiheiten mit noch mehr Pflichten und Anforderungen verbunden sein müssen. Man wird also schnell wieder in die ‚grausame’ Realität eingeholt, in der sich alles um die Frage nach der Existenzerhaltung dreht. Wie kann ich nur meine Existenz erhalten?

 

Die Schulzeit ist für mich etwas Heiliges, etwas Unantastbares; mögen die Erfahrungen die man dort sammelte von noch so traumatischen Ausmaße sein. Um ehrlich zu sein, kann nicht genau sagen was ich mir mit dem Wechsel von der Realschule zum Gymnasium gewünscht hatte- aber ich denke es wird wohl so etwas wie mehr Freiheit gewesen sein.

Nun die Anforderungen sind um ein Vielfaches gewachsen. Wer hätte das gedacht?

Das Gefühl, diesen Anforderungen gerecht zu werden, schwand. Jeder Tag war ein Kampf. Der Kampf zwischen der Vernunft dort zu bleiben und dem Herzenswunsch zu gehen.

Und das Quälende welches ich nach so vielen Jahren Schule festellen muss ist nicht, dass es immer besser wird sondern, dass ich hätte lernen sollen wie man mit steigender Verantwortung umgehen soll. So was wird mich in Zukunft erwarten und ich bin nicht vorbereitet.

Die Frage ist, wie ich das schaffen soll, habe ich meine Schulklasse im letzten Schuljahr doch als leistungssüchtige Gesellschaft erlebt.

Die heimliche Sucht unserer Gesellschaft ist die Sucht nach Annerkennung durch Leistung. Nur wer etwas leistet und gesund ist, hat sich den Verdienst von Liebe und Zuwendung im Leben erspielt.

Am Ende der Schulzeit stehe ich nun da mit nichts außer meinen gesunden Händen und meinem ungesunden Verstand, und da ist auch ein Zeugnis das irgendwelche Zahlen zeigt. Ich stehe am Rande des Abgrunds dessen Übergang nicht erkennbar scheint und dessen ’’Ufer“ mir wie ein schlechter Kompromiss erscheint.

Es ist als hätte ich etwas Geschützes verlassen und etwas Falsches, etwas Unangenehmes angefangen.

Das Schlimmste ist, dass ich all die Jahre in dieser geschützten Seifenblase nicht erkannt habe, dass ich für Anerkennung hätte Leistung bringen müssen, und, dass mir diese jetzt nirgendwo mehr so einfach zu Teil geworden wäre wie hier, in meiner verstrichenen Vergangenheit, in meiner Schule.

Je älter ich werde desto mehr muss ich die Realität erkennen und annehmen.

Die Realität sieht so aus das ich mehr Rechte bekomme und im Gegenzug dazu muss ich mehr Pflichten übernehmen. Warum hat mir das kein Erwachsener gesagt?

Und in dieser Gleichung wiegen die Pflichten schwerer auf.

Deswegen sehnen sich viele Erwachsene ins Kindheitsalter zurück, sie sehen die Pflichtlosigkeit die damit verbunden ist. Aber sie sehen nicht, dass damit auch viele Rechte verloren gehen. Viele sind bereit sich sofort in ihre Jugend zurück versetzten zu lassen.

Vielen scheint so, als würde genau diese Mittellosigkeit die man damals besaß, einen näher ans Glück bringen als das Geld das man jetzt verdient. Okay, wir verdienen alle unser Geld und können und viel mehr leisten als ein Schulkind es je könnte. Aber wollen wir das wirklich?

Der kurzfristige Effekt ist, das wir uns überlegen und selbstzufrieden fühlen, doch das ist kein wahres Glück. Wir sehen ganz genau und wir spüren auch das es dem Schulkind egal ist was wir uns alles kaufen können und mit welchem materiellen Reichtum wir umgeben sind und das macht uns wütend.

Mich macht es sehr wütend.

Ich gebe meine Jugend für ein paar Freiheiten mehr her. Soll das etwa gerecht sein?

 

 

Denn das Geld was ich verdienen werde, macht mich stumpf.

Ich empfinde es nicht mehr als nötig auf etwas zu verzichten oder auf etwas zu sparen, in einem selbstgefälligen Siegeszug ’’gönne’’ ich mir immer wieder was. Immer. Jeden Tag.

Ich bin umgeben von Dingen ,die mir das Versprechen geben glücklich und vollkommen zu sein. Aber das bin ich nicht. Ich bin umgeben von überflüssigem Kram. Ich habe ein Waschmittel, das so teuer ist das Schulkinder dafür einen Monat sparen müssen, nur damit ich das Gefühl habe meine Wäsche ist sauberer und frischer und ich dadurch glücklicher.

Wenn diese ganzen bescheuerten Produkte meine Bedürfnisse befriedigen sollen, dann

Frage ich mich warum ich nicht jetzt der glücklichste Mensch der Welt bin.

Ich kann nicht aufhören zu kaufen.

Ich versuche Erfüllung zu kaufen und scheitere jedes Mal aufs Neue.

Und ich lerne nicht dazu, denn meine Bedürfnisse sind so tief verwurzelt das ich mich selbst verleumden müsste um nicht zumindest zu „suchen“.

Die Tür der Jugend bleibt für immer verschlossen und es gibt keinen Schlüssel.

Es gibt immer nur eine Schlüsselattrappe, die nicht funktioniert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung:

Ich möchte mich hiermit herzlich bei meinem Deutschlehrer entschuldigen, aber er hat mir einfach kein richtiges Deutsch in etlichen Jahren Unterricht beigebracht.

 

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