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Friday, 26. May 2017
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Tagebuch staunistauni
 1991-03-05 hh:mm
Die Mutter war`s, was brauchts der Worte mehr

 

Das zweite Weihnachtsfest in Bayern war für die gesamte Familie nun schon etwas gemütlicher, die Geschenke für die Kinder etwas größer und so feierten sie das Fest in allgemeiner Zufriedenheit. Nur Schwiegertochter Martina wird sich zwischen der Schefflersippe bestimmt einsam gefühlt haben und sicher kam auch Heimweh in ihr auf. Aber sie war sehr tapfer, man merkte es ihr kaum an. Sie lebte und lebt immer noch nach dem Motto: „Da muss ich durch!“

Noch vor dem Fest klagte Oma immer wieder über Magenbeschwerden. Nicht einmal das ihr lieb gewordene „Erdinger Weißbier“ schmeckte. Der Arzt verordnete Medikamente, die aber leider nicht anschlugen. Als sich Omas Gesundheitszustand auch nach Weihnachten nicht besserte, wies sie der Arzt ins Krankenhaus ein. Alle waren der Meinung, dass ihr die immer noch von 1982 vorhandenen Gallensteine zu schaffen machten und sie danach wieder gesund werden würde. Sie hatte sich die Steine leider aus Angst niemals entfernen lassen.

Nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren, rief die Ärztin Elvira in ihr Zimmer und teilte ihr die schlimme Diagnose „Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium“ mit. Mutti würde noch operiert werden, aber es würde keinen guten Ausgang geben. Die Ärztin fragte sie, ob sie Lotti Schrader den Befund mitteilen dürfe. Elvira lehnte das ab, weil ihre Mutter immer gesagt hatte, sie wolle es nie wissen, wenn sie eine unheilbare Krankheit hätte. Die Ärztin meinte zu Elvira: „Da müssen wir aber für sie lügen, das ist für uns auch nicht leicht.“ Elvira sagte kurz: „Dann lügen Sie bitte!“ Mit dieser Nachricht im Kopf musste sie dann gleich wieder ans Bett ihrer Mutter.

Sie nahm sich furchtbar zusammen, ein ausgeglichenes Gesicht zu machen. Sogar als Mutti sagte: „Die hat dir doch bestimmt gesagt, dass ich Krebs habe!“ log sie mit fester Miene: „Nein, sie hat nur noch einmal die Daten geprüft, weil du operiert werden musst.“ Hans-Jürgen und Ingrid waren ja eben gerade wieder heimgefahren und die Mutter hätte es sofort bemerkt, wenn sie gleich nach der Hiobsbotschaft wieder erschienen wären. Peter und Karin kamen sofort aus Dresden. Sie täuschten vor, gerade in Augsburg bei Karins Bruder gewesen zu sein. So konnten auch die zwei noch still Abschied nehmen.

Elvira und Helmut leisteten ihr beim letzten Essen vor der OP Gesellschaft und Lotti Schrader steckte die beiden mit ihrer Unbeschwertheit an. Sie lobte die Betreuung im Krankenhaus, besonders die Liebenswürdigkeit der Schwestern. Sie durfte dort jeden Wunsch äußern, alles wurde ihr erfüllt. Die Schwester massierte ihr sogar den Nacken. „Wenn ich wieder draußen bin“ sagte sie, „da gehen wir noch einmal in das Geschäft, wo ich die schöne Unterwäsche bekommen habe!“

Wie traurig wäre sie wohl gewesen, hätte sie gewusst, dass dieses die letzte gemeinsame Stunde mit ihren Lieben war. Elvira dachte bei sich: „Ich habe schon richtig gehandelt!

Warum man Lotti Schrader noch einmal operiert hat, wo man doch wusste, dass keine Hoffnung mehr bestand hat eigentlich niemand recht erfahren.

Sie wurde jedenfalls nach der OP in ein Koma versetzt und lag noch neun Tage auf der Intensivstation, ohne wieder zu Bewusstsein zu gelangen.

Am 21.2. 1991 schlief die liebe Mutter für immer ein.

Sie wurde im Grab ihres Mannes in Dresden beigesetzt. Über solche Dinge hatte Lotti niemals gesprochen. Es war ihr wohl auch gleichgültig, denn für sie war mit dem Tod Schluss. Sie hatte wohl durch den frühen Tod ihres Vaters und fünf ihrer Geschwister niemals einen Glauben gehabt.

Aber ihre drei Kinder legten Wert darauf, dass ihre Eltern, die fünfundvierzig Jahre miteinander verheiratet gewesen sind und sich wirklich gut verstanden hatten, auch eine gemeinsame Ruhestätte haben sollten.

 

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1991-03-05 hh:mm