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Tagebuch gin
2011-11-05 10:50
america

Im Februar fliege ich nach Amerika. Jetzt überlege ich, ob es davor nicht noch etwas zu tun gäbe: Das was dieses Amerika jetzt ist, dieses Gebilde, das ich mir aus Medienschnipseln zusammenbaue, dieses Amerika, das für mich eine Fantasiewelt ist, zu dokumentieren, festzuhalten. Denn nach meinem Besuch dort, wer weiss, was von dieser fantastischen Projektionsfläche noch abrufbar ist.

 


Aus dem Jahr 2003 (vielleicht, ich habe einen Ärger mit meinen alten Tagebücher: Zehn Jahre Texte ohne Daten)

 

 

 

CA - I

Cole Harrison lebt in einem Ort im Südosten der USA. Greenville ist ein Kaff und grün ist es auch nicht. Eine einzige Strasse führt an diesen Ort im Nirgendwo, Autos kündigen sich schon in weiter Ferne durch eine aufgewirbelte Staubwolke an, gepflastert ist die Haupt - und zugleich einzige - Strasse nicht. Die Häuser sind zerfallen, die meisten unbewohnt.

Die Leute gingen weg. Arbeiten in Casinos, in Fast-Food-Restaurants oder Computerfirmen in der Stadt.


Cole Harrison besitzt eine Tankstelle und eine Werkstatt. Er hat wenig zu tun und tut dennoch immer etwas.

Eine Flugzeuglandepiste befindet sich hinter dem Haus. Zweimal im Monat landet eine Maschine und bringt, was im Laden von Mr. Newman verkauft wird. Er kontrolliert das Flugzeug nach der unsanften Landung auf der Piste von Greenville. Bevor er das Flugzeug im blauen Himmel verschwinden sieht, pflegt Cole Harrison zu sagen: "Möge die Macht mit euch sein!" Das scheint ihm irgendwie passend.


Cole Harrison hat immer schmutzige Hände, schwarz von der Arbeit an den Fahrzeugen der Dorfbewohner. Oder an seinem Flugzeug. Mit jedem Flugzeug der WAC, dass in Greenville landet, landet auch ein Flugzeugteil für Cole Harrison. Irgendwann wird er ein Flugzeug besitzen. Doch bis dahin werden noch Jahre vergehen, seine Tochter längst erwachsen und in die Stadt gezogen sein.


Cole Harrison hat eine Tochter. Eines Tages hatte er plötzlich eine Tochter. Sie ist vier Jahre alt. Sagt sie. Cole Harrison weiss es nicht. Er nennt sie Maria, wie die heilige Jungfrau. Das wird nichts helfen, weiss er.

Cole Harrison ist schwerhörig. Doch in Greenville gibt es wenig, das es sich zu hören löhnen würde. Vielleicht die Liedchen von Maria. Schmutzige Liedchen, Cole Harrison kennt keine anderen, die er seiner Tochter hätte beibringen können.

Sonst ist es ruhig, manchmal heult der Wind und Fensterläden quietschen in den rostigen Angeln.

Es ist still in Greenville.

 

 

CA - II

Abends treffen sich die Männer aus Greenville a der Tankstelle, trinken Bier und riechen nach dem Schweiss der getanen Arbeit. Sie reden nicht viel, was gibt es zu sagen.


Das Mädchen sitzt zwischen den grobschlächtigen Männern und trinkt mit Sirup aus einer feinen, weissen Porzellantasse. Ein Tässchen von diesem Puppengeschirr ist schon zerbrochen, Maria weinte, aber jetzt ist sie ganz vorsichtig.

Elegant spreizt sie den Finger ab und nippt mit gespitzten Lippen. Die Puppe sitzt auf einem kleinen Stühlchen, eine volle Tasse vor sich, doch sie trinkt nicht. "Keinen Durst?" fragt Maria, "Wenn sie erlauben..." und sie nimmt das Tässchen und trinkt dieses auch noch leer.

Wenn Emma Ferguson ihrem Jim zum Abendessen ruft, dann gehen die Männer nachhause. Ihre Häuser sind leer und schmutzig. Nur noch drei Frauen leben in Greenville. Emma Ferguson ist die Frau des Bürgermeisters. Einen Bürgermeister braucht das Dorf eigentlich nicht, denn es gibt fast nichts worüber man Entscheidungen fällen müsste, aber Jim Ferguson wurde vor vielen Jahren gewählt und so ist er nun mal der Bürgermeister. Daneben besitzt er eine grosse Rinderherde, wie alle Landbesitzer in Greenville. Die Fergusons sind angesehene Leute, genauso wie der Veterinär. Der Veterinär kümmert sich um die Impfungen der Rinder und manchmal muss er auch Dorfbewohner behandeln. Doch das ist nicht weiter aufregend, ein Rind ist auch nicht so anders als ein Mann.

Dann gibt es noch die Segelohr-Ida. Segelohr-Ida ist dick, hässlich und arbeitet in Mr. Newmans Laden, wenn dieser wieder Rückenschmerzen hat. Sonst sitzt sie in ihren Zimmer und schaut fern und träumt, sie wäre eine berühmte Sängerin.


Und es gibt Maria, doch sie ist keine Frau, gerade mal ein Mädchen.

Eines Tages hielt ein Auto an der Tankstelle, Cole Harrison war hinter dem Haus und hörte die Autotür zuschlagen. Er sah den roten Wagen gerade wegfahren, als er um die Ecke bog, doch machen konnte er nichts.

Das kleine Mädchen sass, seine Puppe fest an sich gedrückt, auf einer Schachtel und weinte. Cole Harrison fühlte sich hilflos, zum ersten Mal in seinem Leben. Er hatte nie die Gelegenheit gehabt, sich hilflos zu fühlen, deshalb wog das Gefühl umso stärker.

Dann nahm er das Kind an der Hand, führte es in die Werkstatt und gab ihm einen Schokoladeriegel. Das Kind war ruhig, immerhin.

In der Schachtel fand er einige Kleidchen, feines, weisses Puppengeschirr und einen Brief.

 

Der Brief bereitete ihm einige Mühe, er hatte schon lange nichts mehr aufmerksam gelesen. Es sei sein Kind, schreibt die Frau. Er solle sich darum kümmern, sie ginge nach Las Vegas, schreibt die Frau. Paula heisst sie und Cole Harrison kann sich noch dunkel an sie erinnern.

Jetzt hat er ein Kind. Und weiss nichts damit anzufangen.

 

CA - III

Maria ist das einzige Kind in Greenville, die Männer mögen sie, spielen mit ihr und erzählen ihr Geschichten - so gut wie sie können, denn das haben sie noch nie vorher gemacht - und die Frauen kümmern sich rührend um sie. Nur die Frau des Veterinärs nicht. Sie hasst das blondgelockte Mädchen von ganzem Herzen.

Auch sie hat sich ein Kind gewünscht, viele Jahre lang, doch Gott - wenn es ihn gab - wollte nicht, dass der Wunsch in Erfüllung geht. Darum hasste sie Cole Harrison, der ein Kind hat, das er nicht braucht.

Maria kann schreiben, sie ist fünf, niemand hat es ihr beigebracht. "Was ist das für ein Buchstabe?" fragt sie Cole Harrison und streckt ihm eine bunte Zeitschrift entgegen. "Ein 'B'" sagt Cole Harrison und schraubt eine Mutter fest. "Und das?" fragt das Kind. "Ein 'L', und lass mich jetzt in Ruhe". Maria sucht alle 'L' und 'N' in der Zeitschrift. So viele gibt es da zu sehen!

Diego las ihr vor. Sie schaute sich die Buchstaben an, die er las. Er las langsam und stockend.

Bald schon las Maria Diego vor und Diego genoss es von Anna zu hören, der Krankenschwester mit Herz, die sich liebevoll um ihre Patienten kümmerte und in Dr. Royston verliebt war, sich aber zuerst von ihrem aggressiven Ehemann trennen musste, der ihr die Kinder wegnehmen wollte.

Maria wollte ein Buch. Es gab kein Buch in Greenville, warum auch, das brauchte niemand. Nur Zeitschriften und Groschenromane, doch die waren nicht wie richtige Bücher fand Maria.

Cole verstand nicht, was das vierjährige Mädchen mit einem Buch wollte. Doch wenn sie ihn danach in Ruhe arbeiten liess, liess sich dagegen nichts einwenden.


"1 Buch" schreibt er auf die Bestellung für den nächsten Monat.

Und mit dem nächsten Flieger kommt ein Buch. Ein Bildband über die Tiere der Erde. Und Maria ist stolz und schaut sich die Elefanten an, die Löwen, Eisbären, Heuschrecken.

Cole Harrison hat seine Ruhe.


Maria spielt im leeren Swimmingpool. Es ist rechteckig und mit blauer Farbe gestrichen die langsam abblätterte. Es ist ihr Palast und sie trinkt hier mit ihrer Puppe Tee. Die Puppe heisst Puppe, weil sie eine Puppe ist.

Und der Palast hat kein Dach, weil es in ihrem Königreich nie regnete. Wenn es regnete musste Maria zuhause bleiben. Sie könnte sonst krank werden, sagt Cole Harrison. Und was man tut, wenn ein Kind krank wird, weiss er nicht.

Maria wird nicht krank. Sie schaut in eine Decke gewickelt ihre Lieblingssendungen und wünscht sich, sie würde einmal eine Freundin haben. Oder einen Freund.


Kommentare

19:33 13.11.2011
Das sind lediglich Textfetzen, die ich 2003 aufgeschrieben habe, Ideen für einen Roman, vielleicht. Ob die weitergehen weiss ich gerade nicht... Aber vielen Dank dir!
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08:47 13.11.2011
Sind das Erinnerungen von 2003 oder ein Roman?
Super schön geschrieben, ich will wissen wie's weiter geht!
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2011-11-05 10:50