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Thursday, 02. April 2020
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Tagebuch Erich_Binner
 1918-03-26 hh:mm
Gestern Abend war ich mit Mutter im Kino ...

Gestern Abend war ich mit Mutter im Kino. (UT.) Es ist vielleicht das dritte Mal in diesem Jahre gewesen. Man sitzt ruhig und bequem, lauscht der Musik und der Bilder, die in rascher Reihenfolge vorüberziehen. Zuerst ein ziemlich blödsinniges Lustspiel, dann ein Nebbs-Film. Das Detektivstück war ja ganz interessant, doch voll von überspannten Unmöglichkeiten. Auch das andere Drama befriedigte mich nicht. Derartige Sachen können einen jungen Menschen nicht befriedigen, sondern ihn nur auf falsche Bahnen falsche Gedanken bringen. Ja, ich bin kritisch, ich gehe nicht ins Kino, um den Filmdetektiv als mein Ideal zu betrachten, ich will meine Urteilskraft schärfen und meinen Geschmack bilden.

Heute morgen war alles in eine dünne Schneedecke gehüllt, der Wind kneift die Ohren. Die Sonne fraß ja bald alles weg, doch im Schatten taut es nicht. Auch jetzt am Nachmittag wirbeln Schneeflocken. Am Vormittag habe ich mich lange mit dem Meister unterhalten; er stand auch auf dem Standpunkte, dass ein Kaufmann nicht viel lernen brauche, beinahe ebenso wie ich, als ich in die Lehre trat. Erst in diesem Jahre habe ich meinen Beruf recht verstehen gelernt. Erst seit kurzem habe ich ein rechtes Interesse dafür und äußerte mich auch hier darüber. Ich glaubte nicht, dass die Arbeit befriedigen könne; ich betrachtete sie als etwas Notwendiges, das viele Zeit für sich beansprucht, wenig oder nichts Erfreuendes an sich hat und uns Ruhe, Stimmung, Glück und vieles schöne, edle Genießen nimmt. Wahre Freude könne man nur im ästhetischen Genießen im Wahrheit - Suchen und Philosophieren finden.

Doch auch dieses Grübeln befriedigte mich nicht: Ich sehe, dass wir nichts wissen können, dass will mir schier das Herz verbrennen. Da erkannte ich die Wahrheit, dass mir die Arbeit das Leben erträglich mache. Natürlich nur die, die man gern tut; diese schien im künstlerischen Schaffen bei mir zu bestehen. Der Schriftsteller, der Dichterphilosoph, er schien mein Ideal. Freilich würde ich es darin nicht weit bringen. Wie ich dann zum Kaufmann kam, da steht ja in diesem Buche. Aber mit dem Kaufmann kam noch lange nicht der Frieden; es ist ein schwerer, seltsamer (ich finde nicht den treffenden Ausdruck) Beruf. Ich betrachte nun einmal alles vom moralischen, ethischen Standpunkte aus. Eine neue Wissenschaft, deren Vorhandensein ich nicht ahnte, erstand vor meinen Augen: Nationalökonomie, Wirtschaftslehre. Philosophische Zweifel, unnütze Grübeleien sind durch brennende Fragen, die beantwortet werden müssen und die dem Kaufmann, den Kapitalisten, den Industriellen besonders angehen, verdrängt worden. Die soziale, die Arbeiterfrage steht als Problem vor mir. Meine Ansichten hierüber zu äußern, würde zu weit führen. Freilich sind diese Fragen nicht derart, dass sie 'das Herz verbrennen'; es erscheint vielleicht auf den ersten Blick töricht, sich mit ihnen zu beschäftigen, doch ich habe dickes, norddeutsches Blut, ich komme nicht so leicht über alles hinweg.

Schließlich gehen sie mich auch mehr an, wie es augenblicklich scheint, da ich doch Vermögen zu erwarten habe und auch darnach strebe, ein Kaufmann, ein Kapitalist, ein Industrieller zu werden. Im Westen sind in den letzten Tagen große Dinge errungen worden; etwas ganz Ungewohntes. Hoffentlich geht es recht bald siegreich zu Ende!

 

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