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Thursday, 02. April 2020
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Tagebuch Erich_Binner
 1918-04-03 hh:mm
Die Feiertage sind vorüber ...

Die Feiertage sind vorüber, wieder sitze ich am grünen Tisch; da will ich alles in chronologischer Reihenfolge berichten. Also ich kaufte für Mutter einen Schneeglöckchentopf und wanderte mit nach Hause. Als ich zur Tür hereinkomme, ruft Vater nach mir. Ich überreiche der Mutter mein Angebinde, "aber Junge", ruft sie erfreut und will mich umarmen, "Erich!" ruft Vater, "bis wann sollen denn die Schuhe fertig sein?!!!" Da mußte ich mich natürlich losreißen und ihm Bescheid sagen. Seltsam, er redet doch oft stundenlang nicht, warum denn gerade jetzt? Er hielt es auch nicht der Mühe wert, sich nach dem Geschenk umzusehen, er hat nun mal dafür keinen Sinn. So etwas kann einem natürlich nicht erwärmen; ebenso wenig wie die Unordnung, die während der Reinemachens der Wohnung herrscht.

Abends ein wenig Lektüre, dann in die Klappe. Am Osterfeiertag gehe ich mit Mutter zur Kirche, der Superintendant predigt von der Auferstehung etwas dogmatisch, sonst ist aber alles ästhetisch, feierlich, erbauend. Ich trage heute zum ersten Male meinen neuen Anzug. Nach dem Essen ein Schläfchen, Lektüre, dann kommt Ristau um mich zu einem Spaziergang abzuholen. Ich möchte erst Kaffee  trinken (es ist 5 Uhr) doch Mutter ist nicht zu genießen, ich kann also keinen bekommen. Wie elend, wie ärgerlich mir zu Mute war, kann ich gar nicht beschreiben. Das vierte Gebot gehört zu den Schwersten, das habe ich in diesen Tagen gemerkt. Wir beide wandern zum Park, unterhalten uns ganz gut.

Abends gehe ich mit meinen Eltern (der Ärger ist längst vergessen, das dauert nicht lange) zu 'Schraubecks'. Oh diese Menschen, ich schüttle mich, wenn ich daran denke. Ein verlorener Abend, doch nicht, ich habe wertvolle Studien gemacht. Am zweiten Feiertag lese ich Vormittag ein wenig (ich habe für die Feiertage einen Roman von Rudolf Herzog gewählt, sein Optimismus passt zu Ostern), dann kommt mein Freund, wir bummeln in der Stadt herum. Ich fühle mich recht unwohl, erst als ich zu Hause ein kräftiges Frühstück eingenommen habe, bessert es sich einigermaßen. Es ist herrliches, warmes Wetter, wir gehen nachmittags spazieren, in den Busch, natürlich gibt’s dabei auch Zänkereien.

Abends kommt dann Ristau, wir bleiben zu Hause. Am nächsten Tag geht’s wieder an die Arbeit, ich habe tüchtig zu tun, auf der Nationalbank muss ich lange warten. Nachmittag ist dienstfrei; ich besorge Gänge, bald ist der Tag vorüber.

 

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1918-04-03 hh:mm