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Saturday, 19. October 2019
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Vom 2. (August) November 1945 ...
Vom 2. (August) November 1945 (am 3. Nov.)
Das war einmal wieder etwas abenteuerlich und also ablenkend. Wir hatten schon vorher zu Schneider zum Tauschen Sachen gebracht. Als der Russe kommen wollte am Donnerstag, erzählte ein ebenfalls wartender Herr Müller, dass der „Sascha“ Schnaps eingetauscht hätte und nicht oder blau ankommen würde. Na, da zogen wir wieder ab. Am Freitag fuhr Mutti Papa mit Sch’s Stuhl hin. Und als sie nach einiger Zeit anfragen ging, war der Russe leider ausgerechnet mit seinem Sergeanten da, der sehr feilschte und die Preise drückte. So einigte man sich auf 1 ½ Sack Kartoffel für 1 Paar ausgezeichneter Schuhe. Die aber hätten mir beim größten Hunger nicht geholfen. Also gut. Die Eltern kamen zurück du ich besorgte von Frau Wendel einen Handwagen, der sehr groß und klapprig war. Ich hatte also schon reichliche Bedenken. Doch wir zogen gegen 7 Uhr in angenehmer Kriminalromansspannung zu Sch’s. Frau Teistauer war bzw. kam gleich mit ihrem größeren Jungen. So saßen wir und lauerten. Um 10 vor 9 Uhr gingen Mutti und ich wieder heim mit ratterndem Wagen. Wir setzten aus noch eine Schnitte zu essen, da kam Frau Sch an. Der Sascha war doch noch erschienen. Also nun los. Einen Wagen bekamen wir von Frau Schulz. Er war kleiner und weniger klappernd. Als wir rein kamen, war ich sehr gespannt auf den Russen „mit den weichen Händen“ laut Trüdchen, einem 35ig jungen Mädchen. Vor allem sollte es ein „guter“ Russe sein, der einem nichts tue. Da könne ich ruhig mitgehen. Da Mutti und ich festgestellt hatten, dass sie bei der Dunkelheit so gut wie nichts sehen konnte, redete ich ihr zu nicht mitzugehen. Auch sagte Sascha, dass der Junge nicht mit solle, zu viele Personen seien das. Übrigens sagte er gleich, dass er die rosa Bluse und das Kleid noch [tauschen] wolle gegen zusammen einen Sack Kartoffeln. Er war nicht sehr nett im Ton und schien recht müde oder verstimmt. Er erklärte, dass der Sergeant das so wolle mit dem Preis. Vielleicht hatte der ihn noch wegen der bisherigen Freigebigkeit ausgeschimpft. Nun, ich fand es war solch Typ, wie die 2 am ersten Montag, mit klaren, harten Gesichtern von denen man nichts Schlechtes erwartet, die aber in Punkto eben russisches Gefühl oder Fühllosigkeit zeigen. Weder mongolisch, noch slavisch, weder ukrainisch (Parschin), noch Wanny-typ, auch nicht dieser rundstoppelschädelige, stumpfe Massentyp, am ehesten eine verhärtete und etwas geschliffene Ausgabe des Kinderschrecks. Jedenfalls fremd. Nun, ich dachte, dass mit dem so gut Kirschenessen nun wieder nicht sei, wie es Schneiders und auch Papi gemacht hatten. Also wagte ich fast so wenig zu widersprechen wie Mutti. Doch sagte ich „net“ mit großem Kraftaufwand, natürlich Mutti ansehend. Was mit ihm so vorging, weiß ich nicht. Mutti sagt, er bohrte mit seinem Dolch die Tischdecke kaputt. Wahrscheinlich war er über den bestimmten Preis selbst verlegen. Jedenfalls klopfte er mir plötzlich mit dem Knif auf den Rücken und erklärte, dass er die Säcke so füllen werde, dass ich sie nicht fortbrächte. Nun, da er so aufgekratzt war, wurde ich teils sicherer, teils unsicherer! Denn e dachte in mir schon „Aha!“ Was auch stimmte. Bei der Ordnung und Abfahrt, wir waren also Frau Sch, Frau G und ich, war er neben mir und recht „betulich“. Das Gespräch war recht ordentlich, nur meinte ich, er verstünde mein Russisch doch nicht. Wieso? Nun, wenn ich [russisch] sagte, verstünde er nicht. Na, als Ende war er beleidigt und marschierte stürmenden Schrittes vorne weg. Ich meinte auf seine Versicherung hin: Nun, wenn ich keine Angst zu haben brauchte, dann sei es ja gut. Auf das erste Wort hin kam er fröhlich zurück, aber als er nur so was hörte, erklärte er „nix gut“ und stürmte weiter. Aber so ’ne halbe Weglänge von Ecke zu Ecke dauerte das, dann kam er wieder. Was sollte ich tun? Ich erzählte (er fragte, ob ich Amerikaner, Engländer, usw. durch hätte), dass ich einen Russen liebte. Um nicht zu Beleidigung Anlass zu geben, nannte ich keinen Rang (aus Erfahrung mit grauem Hütchen). Aber das machte keinen Eindruck auf ihn. An der Ecke bei Tante Tüt hielten wir und er schob die Wagen unter die Büsche. Dann schlich er in die Dunkelheit. Wir standen etwas aufgeregt in dem Gebüsch. Frau Sch. erzählte, dass es so noch nie gewesen sei, schon auf dem Hinweg mit Verstecken. Da flüsterte es: „[russisch]“ Die schwarze Silhouette des Russen mit der Maschinenpistole überm Rücken war wie ein Bild. Dass er so halbgebeugt vor ins Dunkel lauschte, war echte Räuberromantik. Dann ein Wink „Kom“ und leise schlichen wir über die Chaussee. Diese bekannte Straße war seltsam verändert und fremd. Wie immer bei ähnlichen Gegebenheiten war ich froh mich um niemanden der Familie kümmern zu müssen oder mich beobachtet zu fühlen. So stand ich dem Abenteuer wieder einmal gegenüber und fühlte die Lust daran in jedem Nerv. Alles Zivile ist in solchen Momenten weit fort und ich bin ein wenig „Held des Buches“, das sich mir bietet. Das erste Mal fühlte ich dieses im grausigen, brennenden Würzburg, stärker natürlich beim Ausräumen des Kellers mit „Harry“. Seitdem habe ich es oft gefühlt, dass sich die Aufregung nicht nur mit Angst, sondern auch mit dieser Lust vermischt. Es interessiert mich wahrhaftig, was und wie ich es erlebe, nicht nur von ruhiger Warte aus, sondern gerade dann, wenn ich vor Aufregung zittere und ein Winkelchen die Angst knapp verbirgt. – Hier war es allerdings zu handfester Angst nicht die gegebene Situation. Hier schlichen ein paar Spitzbuben über die nächtliche Straße und versammelten sich im Chausseegraben. Ein Wink, ein Hinweis und nun schlüpften wir der Reihe nach durch ein aufgebogenes Loch im Drahtgitter des Renius’schen Zaunes. Nie sah ich bisher, dass dahinter Baumwuchs stand. Aber jetzt krachten die dürren Äste unter den tastenden Füßen, die Zweige starrten plötzlich aus dem Dunkel oder schlugen in das Gesicht. Hier krallte sich etwas in die weiten Beine und dann scharrte ein Dornzweig über den Lederol-Mantel. Endlich blieb die geschmeidige Gestalt vor uns stehen. Was war? Er wandte sich nach kurzer Zeit und zog mich zu einem Baum. Die anderen folgten. In die Zweige geschmiegt, Gesicht zu Gesicht harrten wir drei, während der Russe fort war. Leises Knacken vertönte, dann Stille! Unserer bemächtigte sich eine steigende Aufregung, so dass wir endlich miteinander flüsterten und viel lachten, hastig und ohne bemerkenswerten Grund. Fast unbemerkt war dann der Russe neben uns aufgetaucht. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sprach mit Frau Sch. Was ich zu verstehen glaubte, war richtig. Da der Sergeant nicht so viele Säcke sehen dürfte, müssten wir sie nacheinander füllen. Wäre ja nicht unmöglich, dass er kontrollieren käme. Damit war sehr logisch fundiert, dass ich mit meinen 2 Säcken zuerst zur Miete folgen müsse. Frau F. und Sch. blieben an dem Baum stehen. Der Weg war bald lichter. Wir passierten einen leeren Leiterwagen und langten bald an einer Vertiefung an, die teilweise Stroh enthielt. Er machte einige Zeichen, legte eine schwere Gabel frei und, da ich noch immer mehr in beobachtete als auf das Gezeigte sah, hob er etwas hoch: [russisch]! Tatsache, die Miete. Nun hielt ich den Sack auf und er schaufelte rasch und emsig ein. Trotz dieses Eifers waren es merkwürdig gespannte Minuten. Wenn unsere Hände sich berührten oder sein Knie gegen mich stieß, war es kein gleichgültiges Ereignis/Geschehen. Dann banden wir den prallen Sack zu und er griff helfend und vertraut über meine Hände, als es mir nicht gleich gelang, und nahm mir die Arbeit ab. Rasch wollte ich den 2. Sack herbeiholen, der neben uns lag, aber da fühlte mich auch schon fest in seinen Armen. Es folgte ein ungeduldiger Überredungsversuch und ich erschrak vor den zornigen, harten Händen und der rauen Stimme. Ich drohte zu schreien, mochten die Russen doch nur herbeilaufen! Dann löste sich seine Erregung in einem Kuss. Ja, das hat er sich doch erobert. – Dann war er wieder sanft und ruhig, wie der Gang eines Raubtieres, der sich in Sekunden in den Gefahr bringenden Spring verwandelt. „Sascha guut“ beteuerte er in dunklen Kehllauten, die wie eine Beschwörung klangen. Schließlich schüttete er resigniert die 2. Portion Kartoffel ein. Wenn ein Auto kam, duckten wir uns aneinander an das Stroh, bis der Schein davon geglitten war. Es war nicht ganz so dicht nötig, schien mir, aber sollte ich dazu tun. Mein kalter, glatter Lederolmantel mochte ihm ruhig eine Zärtlichkeit bedeuten. Endlich rief Sascha die beiden anderen heran. Wir trugen meine Säcke an die Bäume, wo sie noch im Schatten liegen konnten. Merkwürdig, hatte ich es erst nicht beachtet oder waren die Fenster des Gutshauses vorhin nicht erleuchtet? Jetzt lagen helle Lichtfetzen über dem Unterholz, während von der Chaussee her eine Straßenlampe leuchtete. Die beiden Frauen waren vorgelaufen, sie wollten rasch weiter schaufeln. Ich wurde von vorsorglichen Händen geführt und fühlte mich trotz des verräterischen Lichtes wahrhaftig geborgen. Jeden Gang von den Bäumen zur Miete mutete er aus zu dem einen Thema. Ach, wie soll man diesen Menschen nur verständlich machen, dass wir anders lieben. Nicht der Körper und nicht der großartige Vorteil besserer Versorgung? Was sind greifbarere Beweise der Liebe? Oh, mein [russisch] sei schlecht, da er nicht für mich sorge. Er, Sascha, guut! Wie, [russisch]? Ich ging hoch. Plötzlich lacht er! Wir entdecken, dass wir zwischen Säcken und Miete stehen, nicht fern vom erleuchteten Haus frei auf dem Feld und uns nicht ebenleise streiten. Wir lachen und gehen zu den arbeitenden Frauen. Statt des letzten halben Sackes haben sie rasch einen ganzen gefüllt. Oh, das war Sascha gar nicht recht. Aber nun los! Auch der letzte Sack lag neben den übrigen. Da musste ich noch einmal zurück, die Miete schließen helfen. „Kommen Sie mit“, rief ich unterdrückt zu Frau Sch. „Kommen Sie doch mit!“ Aber sie durfte nicht laut Anordnung. Nun ich ging, wir arbeiteten, und, merkwürdig genug, es erfolgte kein zweiter so heftiger Auftritt. Mein Ton erst hatte wohl gezeigt, dass ich im Äußersten auch das Äußerste tun würde. Es war ein merkwürdig zärtlich kameradschaftlicher Umgang mit ihm. War die unwirklich warme, verhangene Nacht Schuld, dass ich diesen nicht ungern sah? Aber, ehrlich, wer sähe nicht gern sich von einem Gefährlichen, Starken und vielleicht unberechenbar Wildem so friedfertig umworben? Als Mensch schon war er mir sympathisch. Denke ich an die unsauberen Blicke und Andeutungen des deutschen ‚L-z’, so ziehe ich diesem eine Umarmung von Sascha hundertmal vor, evtl. Auch einen Kuss. Sascha wirkte bei allem so wie sein Gesicht war, hart, aber sauber. Genug, er übertraf meine Erwartungen, ohne zweiten Zwischenfall langten wir wieder bei den Frauen an. Nun setzten wir uns auf die Säcke. Sascha sprach. Die Frauen saßen uns Knie an Knie auf einem anderen Sack gegenüber. Frau Sch. Verdeutschte. Den „unrechtmäßigen“ halben Sack musste Frau F. noch an mich abgeben. Während der Unterhaltung rauschte es im Gebüsch, Zweige knackten! Stille. Wir saßen mit angehaltenem Atem. – Dieses Licht sei zum Dreinhauen, meinte Sascha, und dann sprach er weiter. Das Knacken war noch einmal da Und wieder. Wir unterbrachen ihn. Ich fühlte, wie er zum Gürtel griff. Plötzlich legte sich etwas kühl und blank in meine Hand, das Messer. Es war beruhigend und aufregend wie der Russe in den Büschen verschwand. Inzwischen sprach Frau F. wenig begeistert von dem ½ Sack. Was half das ihr? Ich war froh, wenigstens die 2 ½ Sack Kartoffel schon zu haben. Ob ich ein 2. Mal mitgehen würde, musste der Verlauf der Nacht erst zeigen. Also setzten wir vier und müde in Bewegung und schwitzten anordnungsmäßig. Sascha bat um mein Taschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Zuhause habe er übrigens viele sehr gute Taschentücher!! Nun, wir stolperten über die hellen Streifen Land bis an den Zaun. Dort wurden die Säcke durch das Loch gestoßen, wir folgten nach. Nun kam der schwierige Abschnitt, die Säcke über die Chaussee zu bringen. Umschichtig zu dritt wurden sie mit Getrappel hinüber geschleift. Wie oft hatten sich inzwischen die Schnüre gelöst oder ein Sackende fiel auf die Straße. Immer wieder Geräusch und Aufenthalt. Schließlich ward der 4. Sack glücklich hinübergeschafft. Da leuchtete es grell auf in der Ferne. Scheinwerfer ergriffen die Chausseebäume, zeichneten den Rinnstein ab – Die drei waren schon im Gebüsch bei den Wagen. Und ich – hatten den letzten Sack in den Chausseegraben gerollt und mich dicht an den Grund gepresst, das helle Gesicht abgewendet. Das Licht ging über uns hin und bald verleuchtete auch der letzte Schein. Nun rasch den letzten Sack hinüber. Dort, die Wagen! Frau Sch. und F. ziehen den einen, ich fasse am anderen an. Neben mir Sascha. Diesmal muss er sich ins Zeug legen und schwitzen. Wir fahren vorsichtig auf dem Rasenstreifen an den Wegseiten. Plötzlich ist Sascha verstört. Er hat Kleid, Bluse und Schuhe bei der Miete gelassen! Na, das gibt was, wenn die Wache es fand. Doch vorerst müssen wir nach Hause. Dort angelangt, bin ich doch plötzlich recht früh, das helle Licht hat etwas Heimeliges. Dass mit Sascha und mir was los war, haben natürlich alle gemerkt. Auf dem Heimweg hatte ich eine Gelegenheit benutzt mir von Frau Sch. den Trost zu holen, so sei er immer, das meinte er nicht so. Jetzt sagte sie aber auch so wie heute sei er noch nie gewesen, immer habe er nur auf rasche Erledigung der Geschäfte gedrängt: Er zog uns noch den Wagen nachhause und half ihn hinein bringen. Dazu drückte er Mutti seine Maschinenpistole in die Hand. Mutti machte ein verdutztes Gesicht und berührte den Schießprügel möglichst nur mit zwei Fingern. Da in dem Zimmer Papa schlafe, bestand er nicht weiter drauf es zu sehen. Bis dann! Morgen sollte die Zweite Tour erfolgen. Nein, Sonntag! Aber am Sonntag-Mittag musste er mitsamt den Kartoffeln weg. [russisch]! Spaßig war die Vorstellung, dass Frau Teichert mit anhörte, wie ich mich am Tor von ihm verabschiedete. Er freute sich nämlich laut und deutlich auf [russisch]! Und das versteht heute jeder.

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