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Sunday, 20. October 2019
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Tagebuch vom 18.6.- Montag, 1...
Tagebuch vom 18.6.-

Montag, 18.6. (24. geschrieben)
Wegen des rachebrütenden Kaukasiers bei Kische suchte ich Hilfe im Luisenhof. Erika Ihsas sagte mir, sie sei an den Posten herangegangen, der einen Offizier heraus gerufen habe. Dieser, nicht der Kommandant, habe ihre Suche mit dem Gemüseschein erledigt. Nun zog ich also zum Posten und erklärte einem Offizier vom Lazarett, möglichst den Kommandanten, sprechen zu wollen. Doch der Posten verstand kein deutsches Wort. Also begann ich auf Russisch, was ihm mich zusehends noch sympathischer machte. Er rief auch den Offizier raus. Der Kommandant sei nicht da. – Doch der lange, slawisch aussehende Mensch mit verkniffenem, strengem Gesicht sprach auch nicht ein Zipfelchen Deutsch. Daher musste ich die ganze Angelegenheit mit Hilfe der Vokabeln russisch auseinandersetzen. Während dem verloren sich die strengen Falten und ein freundliches, geradezu nettes Gesicht erschien. Der Offizier und das Jüngelchen vom Posten interessierten sich mächtig für mein Vokabelheft. Als ein Auto vorbeifuhr stoppte der Posten es hastig dem Offizier in die Hand um Geltung anzunehmen. Es war direkt lustig da vor den militärischen Zonen. Falls Edener vorbei gekommen sein sollten, haben sie bestimmt was zu reden. Besonders als der Offizier verschwand, mit Maschinenpistole auftauchte und mich bis zum Kische’schen Garten begleitete. Zwischen alle Telegraphenarbeiter hindurch. Frl. P. hatte natürlich wieder abgeschlossen. Wir bauten und also am Zaun auf und ich rief eine weißgekleidete Frau im Garten an, sie möchte öffnen. Na, die machte keine Miene dazu. Da fragte ich ob die zwei Russen noch da seien. Nein, die waren nicht mehr da gewesen. Ich erklärte kurz was und wer ich sei. Da holte sie Frl. P. mit dem Schlüssel. Inzwischen hatte sich ein anderer Russe neben dem Offizier am Zaun aufgebaut und linste neugierig und listig mit über den Zaun. Es war ein dunkler, hagerer Fitchityp. Das Gewehr auf dem Rücken passte ihm gut. Wir redeten zusammen auf Russisch, dass die Russen weg seien. Doch der gute Offizier ging nicht weg. Aber ich fühlte plötzlich eine Hand auf meiner rechten Schulter. Ah, [russischer Satz], oder so ähnlich. Es war der Küchenrusse, der uns mit „meine Liebe“ zu titulieren pflegte. Er erkundigte sich, was ich sei, Deutsche? Was ich unwillkürlich mit Nachdruck bestätigte. Er war ganz entzückt mich russisch reden zu hören. Und wartete rechts neben mir über den Baum gehängt. Es muss ein Prachtbildchen gewesen sein, von der Physiognomie des „Zaungastes“ besonders gehoben. Als Frl. Pimplin ankam und aufschloss, wollte der Offizier Wasser trinken. Ei wie verdächtig. Da aber unsere Pumpe kaputt war. musste er schweren Herzens abziehen. „Meine Liebe“ war schon drin, legte seinen Arm um Frl. Pimplin und steuerte zu dem Büro, als ich mich mit Dank verabschiedet hatte. Wenn der Kaukasier noch mal auftauchte, sollte ich mich gleich wieder an den Offizier wenden (Sergej?!). Im Garten musste ich, meine Liebes, Komplimente über mich ergehen lassen, was mir einen Heidenspaß machte. Natürlich wollte er wissen, ob ich schon einen Kavalier hätte. Trotz der Bejahung wollte er mit spazieren fahren in der schönen Jumkelgemüsehutsch, auch das wollte ich nicht wie das Spazieren gehen. Ich müsste arbeiten. „Ach Sch-.“ Das erste Wort konnte er in Deutsch sehr ausdrucksvoll und klar hervorbringen. Er spricht ja überhaupt gut Deutsch. Als der andere sympathische Küchenhamsterer auftauchte, musste er gleich erfahren, dass ich russisch spräche. Als ich russisch grüßte, drückte mir selbst dieser so freundliche Knabe heftigst die Hand. Mit „prima Madam“ verschwand meine Liebe. Wir amüsierten uns königlich. Als ich nun ans Arbeiten ging, nachdem ich die zweifache Aufforderung mitzukommen abgelehnt hatte, erfuhr ich, dass das neue Wesen, Frau Hausknecht, SS Frau ist. Sie hatte natürlich alle Manschetten von den Russen und schien mich der Vertrautheit heftig zu bewundern. Das machte sie mir übrigens nicht sympathischer. Als ein Zivilist bei Frl. Pimplin wollte, ließ ich ihn herein. Während er durchging, kam ein Rüsslein angefahren, der sich umdrehte, langsam fuhr und abtieg. Es war Parschin. Über die zugeschlossene Tür reichten wir uns die Hände. Darauf begann er, er wolle abends kommen. Siegesgewiss wie immer. Doch ich setzte ihm auseinander, dass er wieder bei Inganka gewesen sei trotz Leugnens. Er betonte wieder, sie wolle unsere Zusammengehörigkeit zerstören. Als ich mich nicht beeinflussen ließ, begann er zuzugeben, dass er eben betrunken war. Dass er wieder und wieder log und unzuverlässig wie immer an dem Sonnabend, nicht gekommen war, habe ich gar nicht sehr hervorgehoben. Im Ganzen hatte ich den Eindruck, dass er wirklich nicht so genau gewusst hatte, was er tut. Aber jetzt durch Leugnen was zu kaschieren versuchte. Ich sagte ihm noch einmal, dass er nicht mehr kommen solle. Da stand er, wie ein gescholtenes Kind, seufzte tief, reichte mir die Hand und zog rasch los. Frau Hausknecht meinte nachher, dass der Russe ja direkt ordentlich ausgesehen habe. Ich erzählte Frl. Pimplin, dass das der „Rausgesetzte“ war. Und ich fühlte ein großes Mitleid mit ihm, wenn ich an den geknickten Abzug dachte. Doch was anderes konnte ich nicht tun. Sollte ich ihm irgendeine Hoffnung lassen? Es war doch aussichtslos für ihn, nachdem ich herzliche Gefühle für den Major wachsen fühlte. Selbst wenn jener Post kommen sollte, könnte ich nicht mit den Gedanken an ihn mich dem anderen geben. Übrigens war unsere Unterhaltung wieder russisch geführt. Frl. Pimplin meinte sie beneide mich um meinen Vorsprung in der Sprache. Bestimmt gibt mir das Bisschen Können eine große Sicherheit. Dieser Montag war also mal wieder recht ereignisreich. Abends gab ich das Taschenwörterbuch endlich der Käthe zurück. Kischer benahm sich mal wieder schlimm daneben. Als ich ankam, rief Frau V. „So nun wollen wir endlich mal essen!“ Ohne „Guten Tag“, usw. „Was willst du! Leg’s hin! Im Schuppen!“ war die ganze liebevolle und höfliche Unterhaltung von ihrer Seite. Also ging ich zum Schuppen, wo die Käthe arbeitete. Ich wollte sie nämlich fragen, ob Frl. Pimplin das Büchlein mal bekommen könne. Wie erwartet wollte Käthe erst selbst wieder weiter kommen. Während wir sprachen, kam Herr Kischer ohne Gruß aus dem Haus. „Du musst jetzt aber auch essen kommen. Wird ja alles kalt!“ Worauf ich abzog. Übrigens vergaß ich: Als ich erzählte, dass ich zum Kommandanten wollte, meinte Frl. Pimplin: „Der hätte sie am Ende gleich dabehalten“ Das käme vor bei ihm!

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