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Sunday, 20. October 2019
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 1945-07-15 hh:mm
Sonntag, den 15.7. (und vom 8....
Sonntag, den 15.7. (und vom 8.7.)
Heute hab ich Fliegen gefangen. 100 Stück in ca. 40 Minuten. Dies zur Illustration wie groß die Fliegenplage hier ist. Dann arbeitete ich für die Schule. Um ½ 11 Uhr war ich bei Frl. Pimplin, um sie für heute Nachmittag einzuladen bzw. die Zusage zu holen. Nun ist es inzwischen ½ 5 Uhr und kein Besuch hat sich gezeigt. Papa lauert in sehr gespannter Stimmung, hat sich schon Tee eingießen lassen. Und ich warte natürlich auch, aber nicht so sehr auf Frl. Pimplin. Als Trost versenke ich mich eben in die Schilderung des vorigen Sonntags. Er fing nicht so sehr schön an. Frl. P. wollte schon damals kommen. Doch erschien sie am Vormittag und erklärte, nachmittags im Garten Kartoffeln bündeln zu müssen, da diese sonst über Nacht geklaut würden. Ich schwankte, ob ich mich zur Hilfe anbieten sollte, doch da fragte sie schon. Ja natürlich käme ich, aber nicht so spät, da ich noch Besuch erwarte. Sie wusste ja, dass ich mit Nikolaus rechnete. Also zog ich nachmittags los und bündelte mit ihr, Barbara Groß und Großens Mädchen diese Kartoffeln. Danach würde es wunderbares Sonnenwetter geben. Und ich hatte doch immer gesagt, es würde wohl erst am 12.7. wieder schön. Aber so konnte ich meine noch nicht genug getrockneten Haare noch mal anfeuchten und in der Sonne trocknen. Als ich schon gerade trocken war, hörte ich die Eltern im Zimmer mit jemandem sprechen. Und dann kam Mutti ans Fenster und lächelte schon so recht verschmitzt. „Ursel, komm doch mal rein!“ Mich erfasste schon eine Ahnung. Rasch zog ich den windschützenden Lederolmantel aus und lief aufgelöst ins Haus. Als ich in den Flur kam sah ich an der offenen Tür schon Berezsal stehen, wie er mich freudig ansah. Ich stieß einen freudigen Laut aus, wusste gar nicht recht wohin mit den Sachen in der Hand, jetzt weiß ich es auch gar nicht mehr, wie ich es gemacht habe. Jedenfalls fiel ich ihm im Flur um den Hals. In der Küche redeten wir weiter. Ich war so seelig. Er erzählte, er habe in Moskau von mir gesprochen. Dann erzählte er etwas von jetzt, was ich nicht ganz verstand. Jedenfalls wollten Nikolaus Alexander und ein Major, Dr. med. bald nachkommen. Und er sprach was von 2 Mädchen für die beiden. Da kamen die alle schon an, mit 2 fremden Mädchen. Gertrud war nicht zuhause gewesen, sondern bei einer Bekannten in der Stadt. Ihre Mutter fuhr nun hin, um sie zu holen. Inzwischen zog ich mich erst um, rannte den anderen Rüsslein noch ungekämmt in die Arme, beeilte mich mächtig ohne vorwärs zu kommen. Und Berezsal meinte schon immer: „Ursula, schnell! Schnell! Auch so beim Abendbrotmachen. Dazwischen musste ich aber immer verdolmetschen. So rannte ich hin und her und freute mich immer, wenn ich bei ihm sein konnte, beneidete Gertrud die wenig half, mehr mit dem Dr. flirtete und viel mit Nikolaus schmuste. Der war bei Bauers sehr ärgerlich gewesen, dass Bella nicht dort war und schien schon einiges getrunken zu haben vor Kummer. Die Mädchen erzählten sie seien von Borgsdorf auf dem Weg nach Fürsten-? Gewesen zu Fuß. Dort wollte die eine sehen, ob ihr Verdacht wegen „ihres“ Podpolkownih richtig sei, ihn auf frischer Tat ertappen. Nun, es war mir schon eine Beruhigung, dass die beiden offenbar mit den Russen vertraut waren. Auf der Chaussee habe das Auto gehalten und der Major (!) nach dem Weg nach O bg (!!) gefragt. Und sie haben sich gedacht, die könnten sie bis zu der Ecke nach Velten mitnehmen. Aber da fuhren sie einfach vorbei und hielten dann bei Bauers. Da haben sie schon überlegt, ob sie ausrücken sollten. Na, als sie das Abendbrot sahen, hatten sie schon gar nicht mehr so viele Gedanken daran, nur müssten sie um 7 Uhr da sein und die Rüsshis wollten erst um 9 Uhr los fahren. Ich verdolmetschte hin und her und man einigte sich darauf, die beiden um 7 Uhr dorthin zu fahren. Dann wollten der Dr. und der Fahrer wieder zurückkommen. Inzwischen kam auch Herr Reinecker an. Er wollte gleich umkehren, doch da lotste ich ihn ins Zimmer. Vorm Abendbrot wollte er auch gehen, doch der Dr. gab ihm gar nicht die Hand. Nikolaus übersetzte er solle noch nicht gehen. Und wir hatten uns schon gewundert. So spiele er stillen Beobachter. Bei Nikol. und Bella hatte er ja mancherlei zu sehen. Doch guckte er viel interessierter nach meinen Knien, die denen von B. wegen der Enge ja sehr nahe kamen. Doch hat B. sich natürlich nicht vor allen anderen gehen lassen. Obwohl er ansonsten ausgelassen war, wie ihn Mutti und Papi gar nicht kannten. Infolge eines Missverständnisses glaubte ich, er habe Gertrud gesagt, sie solle ihn küssen. Das erzählte ich, halb nicht scherzhaft ihm (Dabei hatte er die beiden aufgefordert sich zu küssen). Und als wir zu dritt in der Küche waren, griff er uns beide und gab ihr einen Kuss. Oh, es war nicht so schlimm, wie ich eigentlich gedacht hätte. So wusste ich, wie es gemeint war. Aber die Getrud hielt ihm schön ihren Mund hin!! Und mir war ihretwegen schon peinlich, wenn Nikolaus uns beide umarmte oder sich gar zu oft an mich wandte. Aber das tat nichts. Bei B. nicht. Nachdem Reinecker und die vier Zutaten weg waren, sausten wir auch weg. Er erzählte mir, dass er das Bild seiner Mutter gezeigt habe und ihr gefallen habe. Gefragt habe ich sonst nicht. Nach seinen Geschwistern. Zwei Brüder sind als Generäle gefallen. Der Mann der Schwester auch gefallen. Er jetzt als einziger Sohn. Mutter 72 Jahre. Von Moskau schwärmte er, ja. Da blitzten seine Augen auf, wenn er erzählte, der Bandit!! [russisch] Dass er heute nicht gekommen ist! Jedes Autotuten lässt mich aufhorchen! Und dabei fahren jetzt so viele auf der Geichelstraße. Heute hörte ich, dass im Luisenhof schon ein Engländer Quartier gemacht habe einerseits, und dass die Russen bis zum Atlantik besetzten, andererseits. Wenn nur Berezsal nicht noch weiter fort kommt. Sicher macht er es mölgich dann bei mir vorbei zu kommen und ich lasse Schule Schule sein und komme, wenn es in die Zeit fallen sollte. Das steht fest. Nun will ich noch rasch oder langsam einen Brief schreiben an ihn. Das ist die einzige Beschäftigung, zu der ich Lust habe. Ich bin sehr müde, aber schlafen könnte ich jetzt ebenso wenig, wie heute Mittag. Übrigens fuhren am Sonntag der Dr. mit Gertrud und N. noch weg. Sie kamen viel zu spät wieder. Bis 10 Uhr hatte B. noch verlängert. Doch weiter ging’s nicht, da er um 12 Uhr schon in Ludwigsbist sein müsse. Nun aber fuhren sie erst um ½ 12 Uhr fort und B. wird wohl einen [russisch] bekommen haben. Ob er wohl darum heute nicht fort durfte?

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