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Monday, 27. May 2019
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 1945-12-10 hh:mm
Heute ist inzwischen schon der...
Heute ist inzwischen schon der 10.12.1945. Von ‚ihm’ habe ich noch immer nichts gehört. So will ich mir einige amüsante Angelegenheiten nachtragen. Das vertreibt viele Stimmungen und das habe ich noch immer nötig.
Zurzeit liege ich mit verstauchtem Knöchel und habe also wieder mal etwas frei. Eigentlich sollte ich lernen, aber mir ist so unlustig. Im Gang der Schule bin ich abgelenkter. So greift es mich noch gehörig an; ich will aber an andere Dinge denken. In der Bahn ist es oft nett. Ich freue mich wahrhaftig, wenn ich mich mit einem Russen unterhalten kann. Kapitän „Dackelhündchen“ war sehr nett, so dass er sogar einen besonderen Namen erhielt. Da war ich in ein Abteil gestiegen, vor dem Russen standen. Ich setzte mich in das kleine Abteil und las in Toussaint. Langenscheidt. Endlich stieg einer von den Russen ein, sah sich um und setzte sich an das andere Fenster mir schräg gegenüber. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er heftig herüber schielte. Schließlich stand er auf, schlenderte zur Tür: „Birkenwerder“, las er. Eine Dame kam, setzte sich gerade auf seinen Platz. Er nun, wie zufällig, muss ja einen anderen Platz einnehmen. Mir also gegenüber. Als er sich hinsetzt, sehe ich auf, in ein verlegen freundlich strahlendes Gesicht, in das, oh Wunder, eine Blutwelle steigt. Diese Tatsache ist geradezu enorm. Und wie man einem bettelnden Dackelhundeblick kaum widerstehen kann, so auch diesem sich gleichsam stark entschuldigenden. Ich gehe auf sein Gespräch ein. Bald – das Abteil ist voll geworden – mischt sich eine ältere, jüngere Dame ins Gespräch. Sie kann besser sprechen. Also vertiefe ich mich in das Buch. Oh, da muss er dann doch Tempo anlegen. Er guckt mich „hingerissen“ an. Nun, es folgt die Feststellung, dass ich [russisch] sei, usw. Und spazieren möchte er mit mir gehen. Wie rasch ich da Russisch lernen würde. Am Stettiner Bahnhof erklärte er mir treuherzig nach all den Körbchen: Er sei extra 2 Stationen weiter gefahren als er brauchte! Ja, da konnte ich ihm ja nicht helfen. Auf dem Heimweg Stettiner Bhf. steht eine Frau mit Hund. Er, ein Dackel, zerrt umher und jault. Heult, schluchzt. Da kommt ein Ehepaar mit hübsch gelockter, molliger Dackeline. Alle Hundesehnsucht ist im Dackelchen verkörpert. Vom zitternden Schwanz bis zur jaulend geöffneten Schnauze, eine einzige große Sehnsucht. Und sie? Wendet nicht einmal den Kopf.
In Oranienburg vor dem Bahnhof treffe ich Wilma. Wir schwatzen. Da kommt aus der Halle der Kapitän. Seine Stimme gilt dem Kameraden, seine Freude aber…? Jedenfalls lässt er die Kameraden vorgehen und zieht seine Handschuhe an. Einen, und den anderen, mehr sind’s leider nicht. Ja, alle Knöpfe sind zu, da auch, ja also dann. Schließlich fährt er ab. Ich verabschiede mich von Wilma.
Die Geschichte vom [russisch]-Mann ist auch nicht schlecht. Gerade will ich zur Schule gehen, es ist Vormittag, da kommt Frl. Sch. Ein Russe wollte die Stiefel und den Anzug tauschen. Fleisch habe er bei. Und sonst bringen könne er viel, viel. Sie kennen Nikolai schon seit dem Sommer. Zwischendurch ist er weg gewesen. Ein sibirischer Jäger, übrigens, herzensgut, usw. Alo ich gehe mit zu Sch’s. Eh, der Sibirier gefällt mir nicht recht. Seine Augen sind nicht offen, der Mund sehr weich, Stirn und Tolle ähneln dem Parschin-Typ. Aber bösartig sieht er nicht aus. Ist er auch nicht. Die Verhandlung war nicht einfach. Natürlich ist ihm der Preis zu hoch. Schließlich will er für alles einen Sack Kartoffel, 8 Fleisch und 6 Mehl geben. Ich denke: Besser als nichts, die große Tauschzeit ist vorbei. Willige ein. Also die Kartoffel will er in unser Haus bringen. Das Fleisch jetzt gleich dort abwiegen. Ich bin’s zufrieden. Was soll schon passieren? Unterwegs fragt er oder behauptet mehr: Ich hätte einen Offizier als Freund. [russisch] Aha, er beginnt mir die Krankheitsgefahr auseinanderzusetzen. Ich sage nicht ja, noch nein. Was weiß er? Er zeigt auf Bauers Haus, nennt Maria. Ich leugne nicht, gebe nicht zu. Ganz gut wenn er keine Chancen sieht. Anderen erzähle ich erst vom [russisch]. Papa und Mama machen Augen. Das Fleisch sieht schwarz aus und riecht es nicht auch? Unter Parschin-ähnlichem Wortaufwand erzählt er, dass sie das Fleisch heimlich unter den Tisch gelegt haben. Erst als es roch, fiel es ihnen dann wieder ein. Sei eine junge Kuh. Er wog übrigens sehr reichlich. An Teicherts Ecke verabschiedeten wir uns. Wann er mit den Kartoffeln käme, sei ungewiss. Wie er sie herausbekäme. Das war wohl Montag. Dienstag verging, Mittwoch verging, also geht Mutti fragen. Ja, sagen Schneiders,

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